Wurzeln alternativer Tiermedizin

. Veröffentlicht in Heftarchiv - Heft 01/2009

Es gab schon immer den Mann im Dorf, der besonders viel vom Vieh verstand

Karsten Kulms

"Ich Hufschmied kann die Pferd‘ beschlagen, dazu die Räder, Karrn und Wagen, Schwänzen1, (ab-)lassen2 ich wohl kann, den Pferden, die auch Schäden3 haben.
Ich kann heilen Rotz4 und Räude, den Feifel5 und die Angstel6 schneiden. Zu den Zyklopen trag´ ich Gunst, die erfunden des Schmiedwerks Kunst."

Wurzeln alternativer Tiermedizin

So oder so ähnlich lautete bereits im ausgehenden Mittelalter die Berufsbeschreibung des Hufschmiedes (Erläuterung der Begriffe im Kasten). Interessant bei diesen Ausführungen ist dabei die deutliche Einbeziehung der Tierheilkunst in dieses, ja eigentlich handwerklich geprägte Berufsbild. Die Schmiedemeister früherer Zeiten waren zugleich als "Roßärzte" tätig und ersetzten in vielen Bereichen den heutigen studierten Veterinär oder Tierheilpraktiker. Verblüffend ist dabei die lange Tradition und Formtreue der noch heute verwendeten Instrumente, die bei der tierärztlichen Behandlung oftmals zum Einsatz kommen. So etwa die Nasenbremse oder die Zahnraspel, die noch heute eine annähernd gleiche Ausformung aufweisen wie vor Hunderten von Jahren. Betrachtet man die Behandlungsweisen und -konzepte früherer Zeiten, dann fällt einem zunächst der deutliche Bezug zur Natur und naturheilkundlichen Heilverfahren ins Auge.

Wurzeln alternativer Tiermedizin Phytotherapeutische Anwendungen wie in dem folgenden Rezept gegen Husten bei Tieren sind dort genauso vorzufinden wie Verfahren, die an "moderne" (tier-) heilkundliche Therapien, etwa die Blütentherapie nach Bach erinnern (die nachfolgend gebrauchte Bezeichnung "Vieh" wurde im damaligen Wortschatz in der Regel auf Tiere im allgemeinen angewendet):

Berufsbeschreibung des Hufschmieds aus: Hans Sachs, Eygentliche Beschreibung aller Stände uff Erden, Frankfurt a. M. 1568 "Vor den Husten oder Keichen der Rind-Viecher!

Nimm grünen Beyfuß 4 Hände voll, stoße sie klein, und drücke mit dem dazu geschütteten Wasser den Saft heraus, und dies soll man 7 Tage nacheinander dem Vieh eingeben."
Oder:
... das Wasser von den Blättern distalliert, ist für böse Augen gut, wann sie offt damit gewaschen werden, desgleichen auch getruncken, ist gut für die Nieren und Gelbsucht ..."


Natürlich sorgten sich die Menschen der früheren Zeit um das Wohlergehen der von ihnen gehaltenen Tiere. Oft stand dabei der wirtschaftliche Schaden bzw. die Bedrohung der eigenen Existenz (z. B. durch Hungersnöte) im Krankheitsfalle der Tiere im Vordergrund, wenn man dabei selbstverständlich auch die z. T. recht enge emotionale Bindung der Menschen an ihre Tiere nicht außer Acht lassen darf.

Die Einbettung spiritueller Kräfte und Mächte in das Bedürfnis, die eigenen Tiere vor Unheil zu schützen, zeigt sich auch in folgendem Rezept:

"Vor Bezauberung des Viehes! Man nehme Knoblauch und Dill, oder Bärwurzel Foten, oder Wohlgemut, wohl durcheinander gestoßen, und mit Salz vermischet, und dem Vieh davon gegeben, praeservieret das Vieh vor aller Seuche und Zauberung."

Abstrakter zeigt sich der Wille um die Gesunderhaltung der Tiere etwa am Beispiel des "Wurmsegen" aus der Zeit um ca. 1600:
"Das pfert beyssen die worme. Also sie synt weys, swarcz und rot: lieber herre Jhesu Crist, die worme die seint tot!"

Dieses Zurückgreifen auf höhere Mächte bei der Pflege und Behandlung von Tieren wirft ein deutliches Licht auf die enge Verbindung zwischen damaliger Heilkunst, Religion und Aberglaube. Es weist aber auch m. E. einen gewissen Aspekt der Ganzheitlichkeit auf, die Heilung von Tieren nicht nur der empirischen Beobachtung und Erfahrung der damaligen (Natur-) Heilkunde zu überlassen, sondern auch nichtmaterielle Einflüsse und "Energien" im weiteren Sinne in den Gesundungsprozess eines Tieres mit einzubeziehen.

Wurzeln alternativer Tiermedizin Ganz ähnliche Prozesse finden sich bei entsprechender Betrachtung auch noch in der "modernen" Tierheilkunde. So schreibt etwa von Künsberg (2002) im Zusammenhang mit der energetischen bzw. feinstofflichen Wirkungsweise der Blütentherapie nach Bach und in Rückbesinnung auf deren übergeordnete theoretische Weltanschauung, dass es "... in der unsichtbaren Welt sehr liebevolle Wesen, auch Engel genannt (gibt), deren Schwingung unendlich viel höher und reiner ist als die unsere ...".
Die moderne Zuhilfenahme übergeordneter Wesen bei der Heilung oder besser "Regulation" von Tieren als beseelten Wesen ist also im Wesentlichen nichts anderes als die bereits erwähnte Einbeziehung christlicher Anschauungen und Manifestationen, wie etwa am Beispiel des o. g. "Wurmsegen" des Mittelalters festzustellen ist.

Bemerkenswert an der Feststellung von von Künsberg ist die selbstverständliche Einbeziehung kosmischer Kräfte oder "Wesen" innerhalb eines bestimmten Therapiegebietes (hier: Bach-Blütentherapie), um einen Zugang zur Gesamtkonzeption der heilenden Schwingungen der unterschiedlichen Blüten und Blütenmischungen herzuleiten.
Es lassen sich in der Folge Parallelen zum weitaus spiritueller geprägten Weltbild früherer Zeiten ziehen, in denen das Vorhandensein kosmischer Kräfte und Wirkungen (z. B. "Mondkalender", Heilanweisungen der Hildegard von Bingen etc.) als unzweifelhaft und selbstverständlich existierend und vorgegeben angesehen wurde. Hieraus lässt sich natürlich in Folge auch die Einbeziehung dieser Kräfte in die frühe "Tierheilkunde" ableiten.

Diese naturheilkundlich-kosmische Sicht auf die Heilung (nicht nur) von Tieren hat sich als Volksglaube überaus lange gehalten.

Im Hausbuch einer alten Hammerschmiede, die in einem entlegenen Seitental der Tauber in der Nähe von Rothenburg ob der Tauber seit dem Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert in Betrieb war, fanden sich noch Anweisungen und Rezepte eines Schmiedes, mit denen man damals Not und Übel von Tier und Mensch fern zu halten suchte und Krankheiten heilen wollte. Wenn auch zu dieser Zeit bereits die "Aufklärung" längst Einzug in das mitteleuropäische Gedankengut gehalten hat, konnten sich in entsprechend abseits gelegenen Regionen noch alte Rezepte und Heilweisen erhalten, die auch die Austreibung negativer Kräfte (Dämonen, Hexen etc.) in einen Behandlungsprozess einbezogen, wie folgendes Beispiel zeigt:

Wurzeln alternativer Tiermedizin "Ein Mittel wenn die Milch (der Tiere, Anm. d. Autors) durch die Hexen gestohlen wird!
So machen etliche ein paar Sichel im Feuer glühend, und löschen sie in der Milch ab, thun Ruß aus dem Rauchloch, und Schwefel hinein, gießen es dann in das heimliche Gemach, meinen da sie werde den Hexen gesalzen genug seyn."
(aus: "Nützliches Kunst- Büchlein, geschrieben im Jahr 1798").

Dieses Rezept verlagert die Behandlung der Erkrankung eines Tieres, wie im Beispiel oben etwa die Agalaktie einer Mutterkuh, dahingehend, dass der Dämon, der für die Erkrankung verantwortlich ist, getäuscht und damit vertrieben wird. Die Hilflosigkeit der damaligen Menschen gegenüber Krankheiten psychosomatischer Ätiologie, wie etwa das oft zu beobachtende Verhalten der Milch bei jungen Muttertieren (v. a. Großtiere), findet ihren Ausfluss und ihre "Überwindung" in Handlungsanweisungen gegen das "Unbekannte", die nicht materiell fassbare Ursache eines Leidens.
Das Überlisten und Täuschen des krankheitsauslösenden, nicht-materiellen Agens bedeutet aber auch dessen organische, letztendlich somit "ganzheitliche" Einbeziehung in den Therapieansatz.
Bei weiterführender Überlegung lassen sich wiederum Parallelen zur modernen Naturheilkunde finden, wenn man die Sicht um den Aspekt der energetischen "Störfelder" geopathischer, elektromagnetischer oder sonstiger Natur erweitert. So finden etwa das Reiki oder auch die Radiästhesie bei der Behandlung von Tieren immer mehr Eingang in entsprechende naturheilkundliche Behandlungskonzepte. Die Anerkennung der Existenz mehr oder weniger immaterieller Störfelder und ihrer negativen Auswirkungen auf die (Tier-)Gesundheit steht somit in einem sehr ähnlichen Verhältnis zu der Loslösung der reinen Behandlung am und mit dem Patienten und der Hinwendung zu exogenen Ursachen wie das o. g. Konzept des Beschützens bzw. Austreibens von "Dämonen" und anderen unbekannten (und unheimlichen weil nicht materiell fassbaren) Kräften.

Dieser Beitrag wird in der nächsten Ausgabe von Paracelsus fortgesetzt.

Literaturhinweis:
von Künsberg, Isabella (2002): Bach-Blütentherapie. Harmonie und Wohlbefinden für die Einheit von Mensch und Pferd. Müller Rüschlikon Verlags AG, CH–6330 Cham, S. 33.
Niederrheinisches Museum für Volkskunde und Kulturgeschichte: Der Schmied als Roßarzt. Führer des Niederrheinischen Museums für Volkskunde und Kulturgeschichte Bd. 28, Kevelaer 1990.
Gohl, Christiane, 1993: Was der Stallmeister noch wußte. Hausmittel, Heilmittel, Tips und Tricks. Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co., Stuttgart, S. 24.