Journalist mit Handicap

. Veröffentlicht in Heftarchiv - Heft 01/2009

Ein Golfer in der Paracelsus-Redaktion und was dabei herauskommt…

Eugen Pletsch

Journalist mit Handicap Ob ich der Redaktionssitzung beiwohnen könnte, ließ frau anfragen. Geschmeichelt, aber irritiert, erschien ich pünktlich.
Das Team des neuen Magazins Paracelsus wirkte euphorisiert. Letzte Fragen zur ersten Ausgabe waren schnell geklärt, während die Redakteurinnen verzückt in den Layout-Entwürfen blätterten. Die Azubiene schenkte aus der großen Kanne nach, alle genossen den postredaktionellen Entspannungstee in BIO-Qualität.
"Tja, dann wären wir wohl durch. Ich danke Euch für die gute Arbeit", sagte die junge Dame, die mich zur Sitzung eingeladen hatte. Dann blieb ihr Blick an mir hängen: "Ach du liebe Zeit, Dich haben wir ja ganz vergessen. Wir wollten Dich fragen, ob du für Paracelsus eine kleine Glosse schreiben könntest?"
"Eine kleine Glosse? In einem Fachmagazin für Naturheilkunde?"
"Ja, Du schreibst doch immer so lustige Sachen – hörte ich zumindest", fügte sie zögernd hinzu.
Aha! Hörte sie. Sie hatte also noch nichts von mir gelesen! Das kann ich ihr auch nicht verdenken. Ich schreibe nur über Golf – und sie war definitiv keine Golferin.
"Wie Du weißt, ist mein Lebenswerk dem Golfsport gewidmet und da gibt es nichts zu lachen. Dass meine Bücher als humoristische Werke angesehen werden, ist ein großer Irrtum. In meinem letzten Buch, "Golfgaga – der Fluch der weißen Kugel", das ich in der golfpsychiatrischen Abteilung einer Suchtklinik schrieb, warne ich nachhaltig vor den Gefahren des Golfvirus. Gegen den Golfvirus scheinen Heilpraktiker interessanterweise weitgehend resistent zu sein – im Gegensatz zu den Ärzten. Jedenfalls habe ich noch keinen golfenden Heilpraktiker kennen gelernt."
"Aber du kennst mehr Heilpraktiker als Casanova Frauen hatte, da wird dir doch irgendwas Lustiges einfallen!" unterbrach sie mich ungeduldig. Offensichtlich hatte der Entspannungstee zu lange gezogen. OK – mit den Heilpraktikern hatte sie recht.
Casanova sagt man tausend Frauen nach, ich komme auf mindestens dreitausend Heilpraktiker, die ich in mageren sieben Jahren freiberuflicher Existenz anrufen musste.
Sie wurden bald schon zu meinem Lieblings- Klientel. Als Golfer pflege ich eine umfangreiche Palette von körperlichen und geistigen Beschwerden und als gelernter Hypochonder werde ich gerne als Testkandidat für Neuentwicklungen herangezogen. Als ehemaliger Hippie schlucke ich alles, was Erleuchtung verspricht und mein größter Traum wäre, wenn der Akupunkturpunkt, den ich meine neu entdeckt zu haben, nach mir benannt würde.

Mein Drang, mich mit den Gebresten meines Leibes zu befassen, ist so stark, dass ich bei meinen Anrufen versuchte, jeden Heilpraktiker auszufragen. Manche hatten mangels Patienten kein Geld für unser Produkt, aber Zeit für einen Plausch und bisweilen entstand ein reger Tauschhandel. Im Universum muss immer eine Balance von Geben und Nehmen existieren, deshalb gab ich als Gegenleistung Marketing- Tipps. Da kenne ich mich aus und mancher Heilpraktiker begann, seine Strategie zu überdenken – sofern er eine hatte. Besonders jene verträumten Seelen, die der inneren Berufung des Heilens gefolgt waren und brachialen Forderungen des irdischen Seins, wie der monatlichen Praxismiete, mit einem gewissen Unverständnis, oder genauer gesagt, Unvermögen begegneten, lauschten andächtig, wenn ich ihnen die Geheimnisse des Erfolgs vorbetete. Meine Tipps waren ziemlich bodenständig gestrickt, zum Beispiel: "Streichen Sie mal die Wände im Wartezimmer und visualisieren Sie dabei, der Raum wäre voll mit Patienten".
Auf meine These, dass eine Birkenstocksandale einen maximalen Lebenszyklus von sieben Jahren hat und dann ersetzt werden sollte, folgte zwar die Frage: "Und was ist mit der anderen Sandale?"

– aber das war schnell geklärt. Der dezente Hinweis, auf den Atem zu achten, wurde eher zögernd akzeptiert. Der Tod steckt bekanntlich im Darm. Die mehrjährige Intensiv-Kur, mit der sich manche Jünger des großen Paracelsus in Selbstbehandlung kasteien, mag manches Ungemach aufschrecken, dass sich in den abgelegenen Zotten ihres Darms eingekapselt hat, doch wer weiß schon, wie solch’ Todesbrodem, wenn er denn dem Maul entfleucht, auf die Patienten wirkt?

Journalist mit Handicap Zurück zur Glosse: "Ich weiß nicht, worüber man da schreiben könnte", sagte ich zu den Damen. "Es gibt Ärzte-Witze, aber hat jemand schon mal von einem Heilpraktiker-Witz gehört? Kommt ein Mann zum Heilpraktiker und sagt … mein Thuja C 12 …". Vier Frauen schauten mich erwartungsvoll an.
"Und? Wie weiter? Die Pointe?"
"Eben, es gibt keine Pointe …".
"Es muss doch etwas Lustiges geben, was Naturheilkundler betrifft. Vielleicht etwas über die Weltwirtschaftskrise", warf eine Kollegin ein.
"Ja, sehr lustig. Ist die Weltwirtschaftskrise ein Witz des Göttlichen, den wir nicht verstehen? Sind es die fröhlichen Wehen einer globalen Transformation oder haben sich die Horden koksender Investmentbanker unter der Nichtaufsicht der vom Alkohol benebelten Vorstände nur einen bösen Scherz mit der Weltgemeinschaft erlaubt? Nein, glaubt mir, eine Glosse macht keinen Sinn. Aber ich könnte von meiner Arbeit als Golfschamane berichten?"
"Zu esoterisch", sagte die Vertriebsleiterin. "Das verschreckt die Anzeigenkunden." "Halt, wart mal", sagte Blauäuglein, "Golfschamane – worum geht es da?"

"Begonnen hat es damit, dass ich lernte, wie ich Golfschläger auf der Quantenebene entstören und energetisch aufl aden kann. Mit der Schwanzfeder eines Erpels streiche ich am Schaft entlang, um die Atome neu zu ordnen. Mit dieser Energiearbeit habe ich gewisse Erfolge in meinem Bekanntenkreis ganzheitlich denkender Golfer. Der nächste Schritt war, meiner Klientel aus dem Golfschwung zu lesen. Wie bekannt sein dürfte, führt der Golfschwung durch alle Tierkreiszeichen. Mit etwas Übung konnte ich ziemlich exakte Prognosen über Ehe, Beruf, Geld und Erfolg geben. Dann begann ich mit Vocal-Musak zu arbeiten. Das ist eine endlose Folge von Lauten, die in eine Trance führt. Ich dämpfe die Gedanken meiner Klienten in einem Wattepolster von Worten, kurz gesagt: Ich höre mir keine Probleme an, denn Probleme habe ich selbst genug. Wenn meine Patienten dann im Wabbelpudding meiner Wortsülze feststecken, beginnen meine Gedanken ihre Gedanken zu überlagern – bis sie keinen Platz mehr für eigene dumme Ideen haben. Ideen, wie diese Glosse, zum Beispiel …".

Ich erzählte noch ein knappes, halbes Stündchen von meiner Arbeit, dann schaute ich in die schlafende Runde. Na also. Die Magie des Wortes ist immer noch die stärkste Kraft im Universum. Es steht nicht geschrieben: Der Anfang war ein Witz, sondern es heißt: Im Anfang war das WORT! Also keine Glosse. Ich kann nun mal nur über Golf schreiben.
Hab’ ich doch gleich gesagt.