| Aspekte psychiatrischer Pflege |
Was bedeutet Psychiatrie, Gerontopsychiatrie, psychiatrische Pflege?Die Psychiatrie ist ein Fachgebiet der Medizin, sie ist die Lehre der Krankheiten der Psyche und ihrer Behandlung. Die Psychiatrie befasst sich mit der Gesamtheit der psychischen Abläufe und Reaktionen wie Denken, Wahrnehmen, Fühlen und Wollen. Im Gegensatz zur Somatik = Körperheilkunde bedeutet Psychiatrie Seelenheilkunde. Und damit fangen die Schwierigkeiten an. Wenn das Bein gebrochen ist, kann man es eingipsen, man kann die Ursache klar benennen, kennt die Mechanismen des Knochenwachstums, weiß in etwa, wann der Heilungsprozess abgeschlossen ist, aber wenn die Seele einen Knacks hat, kann man sie nicht eingipsen. Woher kommen die Erkrankungen der Seele? Der Psychiater sagt:,, Die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit ist fliessend. Jeder hat mal Hochgefühle und mal Stimmungstiefs, jeder hat Phantasien und Träume, auch Angstträume und Angstgefühle. Krankheit setzt dann ein, wenn diese Gefühle überhand nehmen. Das kann soweit gehen, dass man sie nicht mehr kontrollieren kann, sondern von ihnen total beherrscht wird. Mit anderen Worten kann eine psychische Erkrankung jeden von uns treffen. Genauso wie die körperlichen Erkrankungen sind die psychischen Erkrankungen sehr verschieden. Aber über sie wird selten gesprochen. Die Leute haben eine sehr ablehnende Haltung gegenüber der "lrrenanstalt", dem "Irrenhaus". Ein Integrationsbedürfnis besteht nicht, es macht Angst. Die Patienten dort bekommen kaum Besuch, Blumen oder Geschenke. Manche Besucher fühlen sich sichtlich unwohl, empfinden die Atmosphäre als beklemmend, bedrohend und sind schnell wieder weg. Filme wie "Einer flog über´s Kuckucksnest" prägen das Bild von der Psychiatrie und damit möchte man nach Möglichkeit nichts zu tun haben. Man spricht in der Öffentlichkeit über das Magengeschwür des Angehörigen, aber von seiner Schizophrenie soll niemand erfahren. Wir in Gilead Illa haben beruflich mit dem Zweig der Gerontopsychiatrie oder Alterspsychiatrie ab 60 Jahre zu tun. Die Furcht vor der Gerontopsychiatrie ist nicht geringer als die vor der Allgemeinpsychiatrie. Dort treffen zwei Komponenten zusammen: das Alter und der Abbau. Alt werden die meisten von uns, vor dem Abbau - besonders des geistigen Abbaus, des Verrücktwerdens - fürchten wir uns alle. Gerontopsychiatrie ist engagiertes Bemühen um körperlich und seelisch müde gewordene Menschen, mit denen eine sprachliche Verständigung kaum noch möglich erscheint. Da ist immer wieder geduldiges Bemühen, einen Überblick in einer verwirrenden und verwirrten Umwelt zu gewinnen. Das Erreichen dieser Ziele setzt eine intensive und fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Patienten voraus, daher ist das Eingehen einer echten Beziehung mit ihm von grundsätzlicher Bedeutung. Kurze geschichtliche Entwicklung der Psychiatrie.Psychiatrische Erkrankungen haben von jeher die Menschheit fasziniert und beschäftigt. Bei den Naturvölkern und Urzeitmenschen lösten sie Verehrung und/oder Entsetzen aus. In der Antike beschrieb Hippokrates präzis Manie, Depression, Fieberdelir, Wochenbettpsychose sowie Epilepsie. Erst um 1800 mit "Kurze geschichtliche Entwicklung der Psychiatrie", dem Beginn der Industrialisierung, wurde die Psychiatrie offiziell institutionalisiert, d.h. in Einrichtungen kanalisiert und um 1900 durch die Arbeiten von Kräpelin und Bleuler (Beschreibung der Schizophrenie) als medizinische Disziplin anerkannt. 1970 vollzog sich durch die "Psychiatrische Enquete" eine Reform der Psychiatrie. Es kam zur Entwicklung der Gemeindepsychiatrie mit Gründung von Ambulanzen und Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern, um eine bedürfnisgerechte Versorgung zu gewährleisten. Es vollzog sich ein Wandel von einer verwahrenden zu einer therapeutischen Psychiatrie, sowie eine Zersplitterung von grossen psychiatrischen Krankenhäusern in Funktionsbereiche wie Jugendpsychiatrie, Geriatrie, Sucht- und Rehabereiche. Sozialpsychiatrische Dienste, Wohnheime und Tageseinrichtungen wurden eröffnet. Jedoch wurde erst 1992 eine eigene gerontopsychiatrische Fachgesellschaft in Deutschland gegründet und nach wie vor ist die Gerontopsychiatrie in nur wenigen Ausnahmen mit eigenen Lehrstühlen oder Abteilungen an den psychiatrischen Hochschulkliniken vertreten. Warum erfolgt eine Aufnahme in ein psychiatrisches Akutkrankenhaus?Die Gründe sind recht vielfältig. Manche Patienten kommen freiwillig, auf eigenen Wunsch, weil sie die Vorboten einer beginnenden Krise spüren oder um sich vor sich selbst zu schützen, da sie wieder Suizidgedanken entwickeln. Andere Patienten werden im Rahmen einer Krisenintervention über den Krisendienst des Gesundheitsamtes mit einem Unterbringungsbeschluss durch die Feuerwehr oder die Polizei eingeliefert. Diese Patienten haben entweder randaliert, andere oder sich selbst gefährdet oder haben nach einem versuchten Suizid sich nicht behandeln lassen wollen und/oder sich davon nicht distanzieren können. Mit Beschluss kommen auch Personen, die in ihren verdreckten Wohnungen verwahrlosen oder aber nachts im Nachthemd völlig desorientiert auf der Strasse herumirren. Andere Patienten wiederum kommen aus sozialer Indikation, weil z.B. die pflegende Ehefrau plötzlich selber ins Krankenhaus muss oder zur Entlastung der völlig überforderten pflegenden Angehörigen (oder des Pflegeteams). Mit welchem Krankheitsbild kommt ein alter Mensch in die Gerontopsychiatrie?Die Krankheitsbilder sind ebenfalls vielfältig. In erster Linie ist die Psychiatrie für die klassischen psychischen Erkrankungen zuständig. Es sind Psychosen wie Depression, Manie, Schizophrenie in ihren verschiedenen Formen und Neurosen wie Zwänge (z.B. Waschzwang) oder Ängste/Phobien (z.B. Platzangst). Im Gegensatz zur Allgemeinpsychiatrie, wo die Patienten "nur psychisch krank sind, sind sehr viele Patienten der Gerontopsychiatrie aufgrund ihres Alters ausserdem internistisch schwer krank. Hoher Blutdruck, Herz-, Lungen-, Niereninsuffizienz, Diabetes Mellitus, Folgen von Apoplex, Arthrose, Rheuma etc. müssen mitbehandelt werden und stellen an den Arzt und das Pflegeteam zusätzliche Anforderungen. Was passiert mit dem Patienten in der Gerontoklinik?Allgemeine Grundsätze - Milieutherapie Es werden sich, um es vorweg zu sagen, verschiedene Berufsgruppen (Ärzte, Krankenschwestern/-pfleger, Altenpfleger/innen, Musiktherapeuten, Ergotherapeuten, Krankengymnasten, Sozialarbeiter, Seelsorger) an der Behandlung des Patienten beteiligen, da die Behandlung in der Psychiatrie grundsätzlich im Rahmen multiprofessioneller Teamarbeit erfolgt. In der Pflege wird nach dem Prinzip des Bezugspersonensystem gearbeitet. Das Wichtigste an diesem System ist die Beziehung zum Patienten sowie der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses. Die weiteren Ziele sind die Kontinuität der Pflege, Koordination der verschiedenen Massnahmen sowie "Anwaltsfunktion" hinsichtlich der Lebensperspektive. Das Bezugspersonensystem bietet die Möglichkeit, ganzheitliche Pflege zu verwirklichen. Untersuchungen Unmittelbar nach der Aufnahme in der Klinik laufen für alle Patienten, nach der Erhebung der Krankenanamnese und der Untersuchung durch den Stationsarzt, die ersten Laboruntersuchungen (Blut und Urin). Unter anderem wird die Funktion der Schilddrüse überprüft (T3, T4, TSH-Test) sowie ein TPHA-Test (Treponema pallidum Hämaglutinationstest) durchgeführt, um eventuell Erreger der Syphilis (Err=Treponema pallidum) nachzuweisen. Diese Tests sollen helfen, bestimmte Demenzursachen abzuklären (siehe Lues und endokrine Störungen), denn nicht alle Dementen haben den gleichen HOPS! Ferner werden Blutbild, Blutsenkung, BZ, Elektrolyten etc. kontrolliert. Patientenabhängig werden in den nächsten Tagen EKG, EEG, CT, Sonographie, Szintigraphie, Röntgen etc. sein. MedikationParallel zu diesen Untersuchungen erfolgt vom ersten Tag an die Medikation. Kein Medikament kann allerdings eine psychische Krankheit heilen. Der Bereich der Psychopharmaka wird grob eingeteilt in:
In nicht allzu schweren Fällen kann die Naturheilkunde durchaus erfolgreiche Resultate erzielen. Als Antidepressiva und Tranquilizer stehen uns eine ganze Reihe hochwirksamer Johanniskraut-Präparate oder Kava-Produkte zur Verfügung. Die Verordnung von Neuroleptika sollte man, da es sich um komplexere Krankheitsbilder handelt, Fachärzten überlassen. EKT- ElektrokrampftherapieNeben der medikamentösen Therapie existiert in der Psychiatrie noch eine somatische Behandlungsform: die Elektrokrampftherapie, auch EKT genannt. KrankengymnastikJe nach Bedarf können noch physikalische Therapie (Massagen, Heupackung etc...) und/oder Krankengymnastik verordnet und durchgeführt werden. TherapienNeben der medizinischen Betreuung spielen Ergo- und/oder Musiktherapie eine wichtige Rolle im Genesungsprozess. Laut Pschyrembel bedeutet das Wort, Therapie" Heilverfahren, Behandlung von Krankheiten. Aus dieser Definition heraus ist ersichtlich, dass die Therapiestunden keine Freizeitangebote sind, in denen ein bisschen gemalt, gebastelt, gesungen oder musiziert wird, sondern dass sie den Patienten die Möglichkeit bieten, nicht nur behandelt zu werden, sondern aktiv an ihrer Gesundung mitzuarbeiten. Aus diesem Grund haben die Patienten ein persönliches Wochenprogramm mit therapeutischen Aktivitäten. • Die Ergotherapie • Die Musiktherapie Außenaktivitäten
Neben dem Spass ergeben sich aus all diesen Aktivitäten Gespräche, die die Beziehungsarbeit fordern. Der Patient mit seinen emotionellen und Intellektuellen Fähigkeiten wird anders erlebt und dadurch wird das Gesamtbild vervollständigt bzw. korrigiert Neben den ,Montag-Aktivitäten' ist das Pflegeteam im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten für das Ausfüllen der freien Zeiten der Patienten zuständig. GesprächeDie zentrale Grundlage der psychiatrischen Behandlung bilden die Gespräche zwischen Patienten und allen all der Genesung Mitwirkenden. Das allererste sehr wichtige Gespräch - die Pflegeanamnese - findet bei der Aufnahme statt: der Patient, seine Begleitung (Angehörige oder Mitarbeiter einer Pflegeeinrichtung), der Arzt und eine Person aus dem Pflegeteam besprechen die Lebensgeschichte, die Störungen und möglichen Ursachen. Aber auch die Wünsche und Erwartungen an den Klinikaufenthalt werden erfragt. Von zentraler Bedeutung sind ebenfalls die Gespräche in den späteren Arzt-, Oberarzt bzw. Chefarztvisiten. Es wird sich nicht nur nach der Befindlichkeit des Patienten erkundigt, sondern mit ihm der Stand der Therapie sowie die Lebensperspektiven besprochen, daher nimmt neben einem Mitarbeiter aus der Pflege auch die Sozialarbeiterin an diesen Visiten teil. BelastungsversucheAm Ende der Behandlung stehen für alle Patienten, die nach Hause entlassen wenden, Belastungsversuche an. Sinn und Zweck dieser Versuche ist es herauszufinden, ob der Patient mit den Belastungen seiner alltäglichen Umgebung klarkommt, ob er zu Absprachen fähig ist, wie er die Zeit außerhalb der schützenden, aber auch kontrollierenden Stationswelt verbringt, in welcher Verfassung er zurückkommt. Die Belastbarkeit des Patienten soll überprüft werden und damit auch die Möglichkeit einer Entlassung. Anfangs verläßt der Patient, begleitet durch eine Pflegekraft, für wenige Stunden die Station. In einem weiteren Stadium verbringt er allein den Nachmittag in seiner Wohnung. Vor der Entlassung bleibt er das ganze Wochenende zu Hause. EntlassungStatistisch gesehen bleiben alle Patienten 27 Tage in der Klinik, jedoch variiert die Verweildauer zwischen 8 Tagen und fast einem Jahr. Am Entlassungstag gehen viele Patienten zurück nach Hause und werden dort teilweise von ambulanten Diensten betreut. Für einige Patienten schliesst sich noch eine Nachbehandlung in der Tagesklinik an oder es erfolgt die Anbindung an eine der Gerontotagesstätten. Nach Abschluss der stationären Behandlung übersiedeln ca. 15% der Patienten in ein Wohn- und Pflegeheim, manchmal freiwillig, jedoch vorwiegend durch den Willen eines gesetzlichen Betreuers. Patienten, die aus einem traditionellen Altenheim oder einer Wohngruppe kommen, werden in der Regel bis auf ganz wenige Ausnahmen zurückverlegt. Wer nicht zurückverlegt wird, findet Aufnahme in einem gerontopsychiatrischen Wohn- und Pflegeheim. Psychiatrie und GewaltMan kann nicht von der Psychiatrie reden ohne das Thema Gewalt anzuschneiden. Gewalt und Psychiatrie gehen in der allgemeinen Vorstellung einher und die Gewalt taucht in der Tat in vielfältiger Form auf. Auch in der Gerontopsychiatrie gehört sie zum Alltag, wenn auch nicht so massiv und dramatisch wie in der Allgemeinpsychiatrie. Manche Patienten werden schon im Vorfeld der Aufnahme mit der institutionellen Gewalt, der Zwangsbehandlung konfrontiert. Aufgrund des Psychisch-Kranken-Gesetz (Psych KG) zur Regelung der Psychiatrie und Gewaltgeschlossenen Unterbringung bzw. Zwangseinweisung oder aufgrund des Betreuungsgesetzes zur Regelung der Betreuung im Lebensbereich Heilbehandlung werden sie auf eine geschlossene Station gebracht. Das Umfeld der Einlieferung selbst ist manchmal hochdramatisch und demütigend: in Begleitung der Polizei, festgeschnallt auf der Liege irgendeines Krankentransportes. Die Tür fällt zu, der Tatbestand des Freiheitsentzugs ist erfüllt. Manche Patienten müssen fixiert werden, entweder im Bett mit Fixiergurten oder in einem Sessel mit Bauchbrett. Auch dies ist eine institutionelle Form der Gewalt: der Arzt ordnet zur Sicherung des Patienten, des Pflegeteams, der Mitpatienten die Massnahme an, der Richter gibt ihr innerhalb von 24 Stunden die Rechtsgrundlage. Die Fixierung selber verläuft meist unter Anwendung von körperlichen Gewalt seitens des Patienten sowie seitens des Personals. Diese drastischen Massnahmen sind in der Geronto eher selten. Dass Medikamente ohne Wissen des Patienten im Pudding oder Getränke verabreicht werden, um eine Konfrontation zu vermeiden, wird nicht gemacht. Es verstösst gegen die Prinzipien der psychiatrischen Arbeit - nämlich Ehrlichkeit und Offenheit -, um eine sehr wichtige Vertrauensbasis zwischen Patient und Pfleger zu schaffen. lsolierzimmer und Weichzimmer (Gummizelle) sind abgeschafft worden. Jedoch können Patienten teilweise vom Stationsalltag ausgeschlossen werden. Z.B. in Form von einem Verweis aus dem Esszimmer, wenn die Situation dort eskaliert oder im Rahmen eines Esstrainings wird allein mit einem Mitarbeiter auf dem Zimmer gegessen. Das Verletzen der Privatsphäre ist auch eine Form der Gewalt, die manche erdulden müssen. Es handelt sich dabei um das Durchsuchen der Privatsachen, des Schrankes, des Bettes, des Nachttisches des Patienten nach Suchtmitteln oder nach für ihn und die Allgemeinheit gefährlichen Gegenständen wie z.B. Feuerzeug, wenn jemand äussert, imperative Stimmen zu hören, die ihm befehlen, das Haus anzuzünden. Dieses "Filzen" erfolgt nach den Grundsätzen der Offenheit im Beisein des Patienten, nachdem er über dessen Sinn und Zweck informiert wurde. Es bleibt jedoch sehr entwürdigend und belastend für alle Beteiligten, sowohl für die Patienten wie auch für die Pflegenden. Literaturverzeichnis
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Eine Besonderheit auf der Station F3 ist die wöchentliche "Montag-Außenaktivität", die alle Patienten anspricht und durch das Pflegeteam organisiert wird. Angestrebt wird, dass möglichst viele Patienten an den Spaziergängen, Ausflügen und Besichtigungen teilnehmen. Durch das Verlassen der Station und den Kontakt mit der Außenwelt sollen die Patienten ein Stück Normalität erfahren. Normalität kann dazu beitragen, dass sich Gesundes wiederentfaltet. für das Pflegeteam bietet es die Möglichkeit, die Patienten aus einer völlig anderen Perspektive zu erleben. Bei schlechtem Wetter oder für die Patienten, die nicht mehr gehfähig sind, werden als Alternative Spiele, Film- oder Diavorführungen, Bastelarbeiten, Singen, Vorlesen etc. angeboten. Auch diese "im-Haus-Aktivitäten" sollen nach Möglichkeit ausserhalb der Stationsräume stattfinden.