Die Redaktions-Geisha

. Veröffentlicht in Heftarchiv - Heft 03/2009

Nachdem ich im letzten Monat die Verlags-Bibliothek sortieren musste, sollte ich jetzt alle Pflanzen umtopfen. Das hatte ich mir selbst eingebrockt, weil ich mich ungefragt in eine Diskussion einmischte …

Illustration: Kai KostrzewaEs war ein Montag und ich hätte gerne blau gemacht, anstatt in unserem jungen, dynamischen Redaktionsteam zu brillieren. Am Wochenende hatte ich die Seniorenmeisterschaften in meinem Golfclub vermasselt. Wie schön wäre jetzt ein Basenbad, um Leib und Seele zu heilen. Mürrisch stand ich in der Redaktionsküche, blätterte im Deutschen Ärzteblatt und wartete, bis der Wasserkocher blubberte. Oha! Ei schau: Die WHO warnt vor den Gefahren der Homöopathie. Haben die einen Impfschaden durch ihren Schweinegrippe-Impfstoff oder stecken da wieder mal die quecksilbrigen Geister gewisser Pharmakonzerne dahinter, die alles versuchen, um unsere Naturheilmittelindustrie in den Ruin zu mobben? Jedenfalls: Dr. Jenö Elberts „Gefahr: Arzt“ haben die offensichtlich nicht gelesen.

Das Geblubber des Wasserkochers unterbrach meine Meditation. Neuerdings bin ich im Redaktionsteam für die Getränke zuständig. Unser Team-Slogan ist: “Viel trinken, dann denken.“ Gewünscht wurden: Ein stilles Wasser, ein leichtes Wasser, drei Mal Kräutertee (Fenchel, Kamille und so ein Glücksgemisch) sowie eine große Kanne grünen Tee. Meine Frage, ob Bancha oder Genmaicha, wurde nicht beantwortet. So beschloss ich, selbstverantwortlich zu handeln und bereitete Genmaicha zu.

Ich habe kein Problem damit, im Feminat zu leben. In meiner Jugend habe ich Kakuzo Okakura gelesen, wodurch ich meine Rolle als Redaktions-Geisha mit Anmut und Würde erfülle. Außerdem mache ich lieber Tee, als zum Beispiel die Telefonanlage zu bedienen. Jedenfalls kann ich nicht Tee machen und die Telefonanlage bedienen. Unsere Azubiene dagegen, die Anke, kann Tee machen, während sie Telefonate vermittelt, den Türöffner drückt, eine Datenbank sortiert, HTML-Codes schreibt, Mails checkt und einen Text korrigiert. Dabei denkt sie über die sieben Welträtsel nach, die der seinerzeitige Präsident der königlichen Akademie der Wissenschaften in Leipzig, der Physiologe und Philosoph Emil du Bois-Reymond im Jahre 1880 in einer Aufsehen erregenden Rede, die als „Ignorabimus-Rede“ in die Kulturgeschichte eingegangen ist, erstmals formulierte. (Sie kennen diese Fragen aus dem letzten Heft …).

Indigo-Kind Anke und ich sind etwa zur gleichen Zeit zum Redaktionsteam gestoßen und weil Ankes Antworten auf das Wesen von Kraft und Materie, aber auch ihre Thesen über Ursprung und Wesen des Denkens in den Teepausen unseres Verlagshauses für Furore sorgten, hat sie sprunghaft Karriere gemacht. Kurzerhand wurde beschlossen, die Knechtschaft der Frau, zumindest bei uns, ein für allemal zu beenden.

„Würde es Dir etwas aus machen, wenn Du den Tee künftig zu den Redaktionssitzungen bringst“, hatte mich unsere Ressortleiterin gefragt, als sie mich mal wieder beim Träumen erwischte. Ich dachte gerade darüber nach, ob Ankes Ansichten über das Wesen von Kraft und Materie für meinen Golfschwung relevant sein könnten, und so erschrak ich etwas, wie das ältere Leute manchmal tun. „Anke wird unsere Meetings künftig unter spirituellen und philosophischen Gesichtspunkten coachen. Dazu muss sie sich in Ruhe vorbereiten können.“ Die Redaktionsleiterin schaute mich prüfend an. Offensichtlich wirkte ich desorientiert.

„Tee machen? Äh, nein, das macht mir überhaupt nicht aus. Ich mache gerne Tee. Schon in meiner Jugend habe ich Kakuzo Okakuras berühmtes Buch vom Tee …“. „Ja, sehr schön, danke. Das Buch hattest Du schon mal erwähnt. Das wäre also geklärt.“ Sie wollte gerade weitergehen, als ich sagte: „Die Telefonanlage kann ich dann aber nicht auch noch bedienen.“

Sie hielt inne: „Nein, natürlich kannst Du das nicht. Sollst Du auch nicht! Hatte ich das nicht schon mal gesagt? Unsere Positionierung als kompetenter Fachverlag steht und fällt mit dem ersten Eindruck, den man von uns am Telefon bekommt.“ „Ach so, na dann … halt ich mich mal vom Telefon fern und mache Tee.“ „Genau.“ Sie nickte und setze ihren Laufschritt fort. Ich war erleichtert. Endlich hatte ich eine feste Aufgabe als Redaktions-Geisha.

Nachdem ich alle Getränkewünsche auf dem Teewagen verstaut hatte, betrat ich den Raum.

Das Thema der Sitzung hieß: „Ermüdung und Erneuerung“. Diskutiert wurde, wie frau das Thema Praxis-Marketing im Paracelsus-Magazin anmoderieren könnte, um erschöpften Therapeut/innen neue Impulse zu vermitteln. Praxis-Marketing ist eigentlich meine Spezialität, aber bitte sehr:
Wenn das Redaktionsteam meine Kern-Kompetenz  im Catering sieht … .
„Inwieweit ist eine Reflexion über die Ausstrahlung der eigenen Praxis für Therapeut/innen wichtig?“

Während die Frage auf ein Flip-Chart geschrieben wurde, verteilte ich die Getränke. Alle Damen kritzelten ihre Notizen und nickten mir freundlich zu, während ich die Tassen füllte. Was wären „einfache Lösungen zur Erneuerung einer Praxis?“ quietschte der dicke Marker aufs Papier.

„Gutes Feng Shui durch frische Blumenerde“, dachte ich laut.
„Wie meinen?“
Die Redaktionsleiterin starrte mich an.
„Wie war das?“
„Pardon, ich habe nur laut gedacht. Ich sagte: ,Gutes Feng Shui durch frische Blumenerde.´“
„Und was soll das bedeuten?“

Ihr Blick wechselte zwischen amüsiert und indigniert. Alle Damen schauten auf. Ich wurde rot.

„Die Kunst, die eigene Praxis aus den Augen des Patienten zu betrachten, führt oft zu der Erkenntnis, dass zu viel Gerümpel herumliegt und zu wenig gute Bilder hängen, die eine heilende Wirkung haben, was gerade bei Kindern „gute Erinnerungen“ prägt. Bei näherer Betrachtung, stellen wir fest, dass es häufig an Pflanzen fehlt, die Leben, Gesundheit und Kraft ausstrahlen. Gemäß der Volksweisheit, keinem Mediziner zu trauen, bei dem die Zimmerpflanzen welk aussehen, sagte ich: „Gutes Feng Shui durch frische Blumenerde. Meinetwegen auch Ton-Granulat.“

Anke nickte: „Die Betrachtung der eigenen Praxis führt zur Selbstreflexion und der Frage: Wo stehe ich und wie wirke ich? Ist das, was ich sein möchte, identisch mit dem, was meine Praxis ausstrahlt. Kann das, was ich bin, von meinen Patienten intuitiv erfasst werden? Und: Ist diese Wahrnehmung meiner Patienten positiv besetzt? Gestalte ich ein Schwerefeld der Anziehung, das Anteil hat am Erfolg meiner Praxis? Warum soll man nicht auch Blumentöpfen, sozusagen als Symbol einer Lebensgemeinschaft zwischen Pflanze und Mensch, den Geist einer Feldeigenschaft zuerkennen?“

„Genau“, stotterte ich. „Danke, Anke!“ Wer seine Pflanzen betrachtet, betrachtet sich selbst und entfaltet ein Bewusstsein für seine Feldwirkung, die unmittelbar auf den Patienten Einfluss nimmt und entscheidend für den Erfolg einer Praxis sein kann.“

„Und was ist mit einer neu eröffneten Praxis? Die Blumenerde ist frisch, es hängen schöne Bilder, aber kein Patient kommt vorbei?“ fragte unsere schlaue Helene.

„In dem Fall heißt es abwarten und Tee trinken und dabei ein energetisches Feld kreieren. Dieser Prozess kann durch Marketing-Maßnahmen unterstützt werden, obwohl ein Erfolg letztendlich auf therapeutischen Fähigkeiten basiert. Aber das Thema heute lautet „Ermüdung und Erneuerung“ und dazu empfehle ich die Pflanzenpflege.“

„Aha“, sagte die Redaktionsleiterin.
„Äh, ja, ich geh dann mal wieder …“
„Ja“, sagte sie. „Danke für die Getränke.“

Sie betrachtete einen monströsen Pflanzenkübel.

„Eigentlich ist das gar keine schlechte Idee. Vielleicht sollten wir auch mal um topfen. Könntest Du das arrangieren?“ „Arrangieren heißt umtopfen?“ „Genau!“
„Alle Pflanzen?“
„Ja, ich finde, wir brauchen frisches Feng Shui!“
Mit drei Globuli Arnica C 200 unter der Zunge stimmte ich meinen Ischiasnerv versöhnlich und zog los, um Blumenerde zu besorgen.

Eugen Pletsch

Literatur:
Eugen Pletsch hat bereits drei satirische Erfolgstitel zum Thema Golfsport im KOSMOS-Verlag veröffentlicht. Sein Blog www.golfgaga.de gilt als humorvolle Alternative zu den etablierten Golfseiten im Internet. Auf www.mediamed.info veröffentlicht der Gentechnik-Gegner Meldungen zur gentechnikfreien Ernährung und natürlichen Gesundheit. Soeben erschienen ist sein neues Buch: „Endlich einstellig“, „Golf und die Kunst des Scheiterns“, Kosmos Verlag.