Kalorienfreier Weihnachts-Brunch auf Quantenebene
Humorist Eugen Pletsch lernt im Redaktionskollektiv die Do’s und Dont’s alternativer Ernährungsansätze kennen.
Neues Jahr – neues Glück. Ich kletterte auf der Anrichte der Redaktionsküche herum und betrachtete die Welt von oben. Nicht nur Anke, unsere Indigo-Azubine, sondern auch ich hatten eine steile Karriere hingelegt. Anke durfte über Weihnachten zur Oberliga der Eingeweihten nach Hawaii fliegen, um über einen transpersonalen Erleuchtungskongress zu berichten; und ich durfte die oberen Regalflächen der Redaktionsküche abwaschen. Nebenbei sollte ich ein Handbuch schreiben: ZEN und die Kunst, eine Spülmaschine zu bedienen!
Ich war gerade im JETZT versunken und wischte fettigen Staub vom oberen Hängeregal, als ich eine vertraute Präsenz spürte: ANKE! Anke war zurück. Da stand sie brutzelbraun gebrannt und grinste mich an:
„Na, wie ist da Luft da oben?“
„Es riecht nach erleuchteten Azubinen.“
Ich kletterte vom Regal und wir drückten uns.
„Habe dich vermisst. Wie war der Kongress?“
Ich schloss die Tür und schob ihr einen Hocker hin. Anke strahlte.
„Es war toll. Das Meer, die warmen Nächte am Strand …“. Sie hatte ihre Reise offensichtlich genossen.
„Und der Kongress?“, fragte ich nach einer Weile noch mal nach.
„Ach ja, der Kongress. Interessant, aber bizarr: Der Veranstalter hatte was mit seiner Assistentin, worauf seine Frau, die ihm den Kongress vorfinanziert hatte, ausgerastet ist. Die transpersonalen Theoretiker haben sich mit den psychedelischen Praktikern gekloppt wie die Schusterjungen. Die „Jetzt und Hier“-Fraktion konnte nicht mit der „Morgen ist auch noch ein Tag“ – Clique im Plenum diskutieren, weil die nie aus den Betten kamen. Roshi Kimura wurde in einer Fastfood-Kette verhaftet, als er einen Hamburger auf seinem Kurzschwert aufspießte. Der übliche Swami auf Brautschau wurde von einem verstörten Tantriker mit angekokelter Kundalini in die Hotel-Sauna gesperrt und das übliche Gefolge der Spirtual-Touristinnen trieb die Housemaids im Sheraton mit ihren Sonderwünschen in den Wahnsinn: “Mein Sari, mein Sari – Sie haben meinen Sari zu heiß gebügelt!“ äffte Anke in breitem Amerikanisch nach. Wir kamen aus dem Lachen nicht mehr raus. „Na, und du?“ fragte sie, nachdem wir uns beruhigt hatten. „Wie war dein erster großer Auftritt, du solltest doch den Weihnachtsbrunch organisieren?“
„Uff.“ Ich sank in mir zusammen.
„So schlimm?“ Anke schaute mich aufmerksam an. Ich nickte.
„Ich hatte in der Teamsitzung vorgeschlagen, dass jeder etwas mitbringen könnte. Leckere Vollkornbrötchen, Marmelade, Eier, Waffeln mit Kirschen …“.
„ …und PUDAZUCKA!“ quakte Anke dazwischen.
„Genau.Wurst, Käse und Lachs, vielleicht einen Salat … was man so für einen Brunch mitbringt …vielleicht noch einen Kuchen für später zum Kaffee.“
„Klingt lecker“, sagte Anke.
„Dachte ich auch, aber sie haben mich in der Luft zerrissen.“
„Wie, was, warum – komm, erzähl!“
„Es war bei der Teamsitzung. Ich war noch beim Aufzählen meiner Vorschläge, als ich spürte, wie sich alle Nasen kräuselten. Es kam eine gewisse Spannung auf und die schlaue Helene begann:
„Das Brunch ist, geisteswissenschaftlich betrachtet, ein Akt des Teilens und führt zu der Erkenntnis, dass unser täglich Brot der Heilung und Gesundung dient.“
Darauf Marianne: „Täglich Brot? Dann höchstens aus Dinkel! Als Vertreterin der Blutgruppendiät kann ich hinter deinen Vorschlägen kein System erkennen, das auch die bescheidensten Ansprüche der Blutgruppe Null befriedigt. Meinen Hirsebrei mit gedämpften Äpfeln …“.
„ … könntest du gerne mitbringen“, wollte ich gerade sagen, aber Ute kam mir zuvor:
„Die Ernährungsrichtlinien der Blutgruppe Null wären für mich ein Desaster. Aber mal grundsätzlich: Schlägst Du uns wirklich Waffeln mit Puderzucker vor? Sind Weißmehlprodukte und leere Kohlehydrate nicht die großen Geiseln der Menschheit, die, so meine ich zumindest, in unserer Redaktion strikt zu ächten wären?“
„Und Wurst!“ fuhr Sabine scharf dazwischen. Ich legte die Ohren an.
„Sagtest Du: WURST? Totes Tier? Jetzt, wo die Moschee in Köln endlich gebaut wird, willst Du im Bistum Mainz ein Schwein schlachten und in unseren Redaktionsräumen in Scheiben aufbahren? Dient das dem interkonfessionellen Dialog?“
Ich wollte etwas von vegetarischer Bio-Wutz stammeln, aber ich kam nicht dazu.
„Dass Nussnougat-Creme wegen des Einflusses der Zuckerindustrie auf die Zahngesundheit politisch nicht korrekt ist, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Du weißt, dass Amalgam menschliche Zellen schädigt und dadurch verschiedene chronische Beschwerden und Krankheiten auslöst. Ich sage nur: Amyotrophe Lateralsklerose, Infertilität, Hashimoto, Sklerodermie …“
„Ich wollte kein Amalgam in die Nussnougat-Creme mischen.“
„Der Vorschlag mit den Kirschen wäre ganz gut, wenn wir Kirschenzeit hätten. Aber jetzt?
Es widerspricht sowohl dem Prinzip der Makrobiotik als auch dem Gedanken regionaler Selbstversorgung.“
Lisalotta hatte die ganze Zeit zappelig mit den Fingern auf dem Tisch getrommelt: „Und dazu würdest Du uns einen Kaffee Latte aus Sklaverei-Importen empfehlen und Sahne auf die Waffeln?“ legte sie los. Sie schien leicht verstimmt zu sein.
Ich zuckte mit den Schultern: „Wenn ihr das möchtet.“
„Wenn wir das möchten? Ich glaube, du hast einen an der Waffel!“
Die vormals exzessive Kaffee-Trinkerin Lisalotta vermisst ihren stündlichen Espresso und hasst Milch: „Kaffee mit Milch! Weißt du, was Milch macht? In seiner Novelle „Auf ewig verschleimt“ erklärt Dr. Gregor Schlemmbach: Milch verlangsamt die Verdauung, hemmt den Stoffwechsel, verstopft die Arterien, verursacht Schleim, Erkrankungen der Atemwege und befleckt sogar die Seele, so dass sie nichts mehr klar wahrnehmen kann.
Reicht das?“
Ich nickte beschämt: „Möchtet ihr als Alternative lieber indisch kochen? Reis mit Gemüse in Kokosmilch, ein bisschen Zwiebeln und Knoblauch anschmoren, etwas Chili …“.
„Chili? Zwiebeln und Knoblauch essen?“ empörte sich Blutgruppe Null. „Du Lustgreis! Weißt Du nicht, dass alle Gewächse der Zwiebelfamilie sexuelle Begierden auslösen?“
„Ich denke nicht, dass es auf unserer Verlagsweihnachtsfeier zu sexuellen Ausschweifungen kommen wird.“ Ich versuchte, die Damen zu beschwichtigen.
„Denkst du nicht?“, rief Sabine. „Denkst Du überhaupt? Dann denke auch daran, dass ich nicht deine Mordkumpanin sein werde, indem ich Gemüse schnipple! Dadurch wird das Energiefeld der Pflanze zerstört und die Gruppenseele geschädigt. Du hast wirklich grausame Ideen!“
Alle starrten mich an. Ich hätte mich am liebsten in einem Loch auf dem Golfplatz verkrochen.
„Es ist nicht so einfach, den verschiedenen Glaubens- und Ernährungsrichtungen unserer Redaktion gerecht zu werden, das gebe ich gerne zu“, stammelte ich.
Überraschenderweise kam mir die Chefin zu Hilfe, die bisher geschwiegen hatte:
„Wenn jeder auf seine Weise zu Hause ordentlich frühstückt, könnten wir uns im Geiste der Traditionellen Chinesischen Medizin auf eine Tasse heißes Wasser einigen, was auch unter Kostengesichtspunkten vernünftig wäre.“
„Wie heiß müsste das Wasser denn sein“, fragte Helene, „damit unser Körper nicht nur aufgeschwemmt wird, sondern ein energetischer und dynamisierender Reinigungsprozess gemäß Fereydoon Batmanghelidj’s Thesen eingeleitet wird …?“
Anke starrte mich an. Ich schaute auf den Boden und fühlte mich erschöpft:
„Ute hat schließlich eine Arbeitsgruppe ‘Heißes Wasser’ vorgeschlagen. Alle fanden, das einen guten Vorschlag. Auch Helene konnte sich damit anfreunden.“
„Eine Arbeitsgruppe ‘Heißes Wasser’?“ Anke schluckte. „Und wie ist es ausgegangen? Wie heiß wurde das Wasser serviert?“
„Die Arbeitsgruppe konnte sich nicht einigen“, sagte ich leise, denn ich hörte Schritte im Flur.
„Und dann?“ Anke machte große Augen. „Es wurde schließlich doch ganz nett. Wir genehmigten uns einen kalorienfreien Weihnachts-Brunch auf der Quantenebene, indem wir gemeinsam Bilder von Masaru Emotos Wasserkristallen anschauten.“
Eugen Pletsch hat bereits drei satirische Erfolgstitel zum Thema Golfsport im KOSMOS-Verlag veröffentlicht. Sein Blog www.golfgaga.de gilt als humorvolle Alternative zu den etablierten Golfseiten im Internet. Auf www.mediamed.info veröffentlicht der Gentechnik-Gegner Meldungen zur gentechnikfreien Ernährung und natürlichen Gesundheit. Soeben erschien sein neues Buch „Endlich einstellig! Golf und die Kunst des Scheiterns“, Kosmos Verlag.
