| Der schnelle Brüter |
|
Seit einer halben Stunde herrschte Ausnahmezustand: Die Bildschirme waren schwarz. Server-Blackout. Vom Flur her zwitscherten fröhliche Mitarbeiterinnen, die sich, wie an einem sonnigen, garantiert schulfreien Wandertag, angeregt unterhielten. Anke tunkte den Teebeutel in ihrer Tasse auf und ab. „Saach e mal“, persiflierte sie mein hessisches Idiom, „wie lange hat der Verlaach eigentlich schon IT-Systeme?“ IT steht für Informationstechnologie. In manchen Kreisen ganzheitlich orientierter Therapeuten, wo selbst ein Faxgerät noch kontrovers diskutiert wird, zum Beispiel wegen Elektrosmog, gilt die digitale Informationsverarbeitung als Werk des Bösen, was bei näherer Betrachtung gar nicht so falsch ist. Auch ich gehöre, wie Millionen anderer Menschen, einer digitalen Resistance-Bewegung an, die die Weiterentwicklung künstlicher Silizium-Intelligenz durch das Drücken falscher Knöpfe sabotiert. Auf Ankes Frage war ich insofern vorbereitet, als ich an diesem Morgen vor dem großen Blackout im Serverraum mit Staub saugen beschäftigt war. Dort liegt eine Akte, auf deren Rücken ein Pinguin prangt, der mit einem roten Totenkopf übermalt ist. Darauf steht: Das LINUX-Projekt. In den letzten Wochen konnte ich interessante Details aus jener grauen Vorzeit recherchieren, in der die Verlagsleitung erstmal den Entschluss fasste, sich dem Computer-Zeitalter zu öffnen. Die Vorgabe war diffus, nur eines war klar: Man wollte kein Microsoft-Sklave werden. „Linux als Betriebssystem“, war die karge Anweisung, die vom ehemaligen Geschäftsführer signiert war. Von Linux hatte ich schon gehört. Linux wird gemeinsam von Softwarespezialisten auf der ganzen Welt entwickelt, die sich unter dem Symbol eines Pinguins versammelt haben, um die Vorherrschaft von Bill Gates' Microsoft zu brechen. Linux steht jedem Anwender kostenlos zur Verfügung. Mehr war der Verlagsleitung nicht bekannt und für mehr Informationen hätte sie ohnehin keine Zeit gehabt. Per Handstreich wurde das Thema an eine schüchterne Mitarbeiterin delegiert, die in der weiteren Linux-Dokumentation (etwas altjüngferlich) als Fräulein Ilse bezeichnet wurde. Sie wurde erwählt, weil ihr Cousin 2. Grades eine Elektriker-Lehre absolvierte, woraus man schloss, dass Fräulein Ilse mit den Geheimnissen der Binärcodes vertraut werden könnte. (Der Binärcode, die Grundlage jeder digitalen Information, kennt nur zwei Symbole, nämlich 1/0 oder wahr/falsch, also sozusagen Yin und Yang, weshalb jedwede Programmierkunst letztendlich eine esoterische Geheimsprache ist.) „LINUX!“ war die Order, die unserem Fräulein Ilse auch bei einer Chef-Audienz entgegen donnerte, in der sie um Details nach-suchte. Sie machte ihren Hofknicks, um sich alsbald mit zwei pubertären Chaoten aus ihrer ehemaligen Waldorfschule zu treffen, die sich ihr gegenüber als „Spezialisten“ präsentierten. Wie die meisten „Spezialisten“ waren auch diese beiden Buben hauptsächlich darin spezialisiert, gutgläubigen Menschen einen Bären aufzubinden. LINUX wäre das einzige organische, vollbiologische Computersystem der Welt, erklärten sie der einfältigen Ilse. „Der Linux-Pinguin ist keinesfalls nur ein Symbol“, signalisierte der eine Schlauberger mit weitläufigen Armbewegungen, während er aufgeregt in seinen Eurythmie-Schläppchen umher sprang. „Die Software mit dem Binärcode wird in zwei Eiern angeliefert. Die musst du ausbrüten und dann vernetzen, indem du sie neurolinguistisch programmierst.“ „Ich soll Pinguin-Eier ausbrüten und dann programmieren?“ Ilse wirkte verunsichert. Der Knabe wedelte mit den Armen und führte ein paar aufgeregte Tanzschritte aus: „Nein, du natürlich nicht. Wir liefern dir einen schnellen Brüter. Den Begriff hast du schon mal gehört?“ Fräulein Ilse nickte. In der Oberstufe galt es zu ihrer Zeit als schick, sich in der Anti-Atom-Bewegung zu engagieren. Nicht unbedingt, weil man sich die Gefahren der Atomkraft bewusst gemacht hätte, sondern eher, um das anthroposophische Establishment in seinem Spagat zwischen Siemens und Selbsterkenntnis zu ärgern. „Wir liefern dir zwei Linux-Eier in einem schnellen Brüter. Wenn die Pinguine geschlüpft sind, musst du sie mit Nudeln füttern. Linguine für Pinguine, verstehst du? Dadurch entstehen die neurolinguistischen Befehlsketten der Linux-Programmiersprache. Alles ganz einfach. Du musst nur dafür sorgen, dass die Betriebstemperatur im Serverraum 7 Grad nicht übersteigt.“ „Habt ihr einen solchen Raum?“ fragte der andere Schlacks. Fräulein Ilse schrak aus ihren Brut-Gedanken auf. Sie hatte sich Computer- und Internettechnologien viel komplizierter vorgestellt. Eier ausbrüten und kleine Pinguine mit Nudeln füttern klang nach einer lösbaren Aufgabe. „Ja, wir haben einen Kellerraum, der sehr kühl ist. Der könnte passen.“ „Prima!“ Die Jungs rieben sich die Hände. Der Sonderpreis von damals 7.000,- Mark wurde von der Geschäftsleitung (aus Zeitgründen ohne nähere Betrachtung) abgenickt und wenige Tage später lieferten die Jungs einen Sperrholzkasten, den sie im schulischen Werkunterricht eigenhändig hergestellt und mit Silberbronze bemalt hatten, um dem Objekt einen futuristischen Anstrich zu geben. An einer Seite war eine Glasscheibe eingelassen, durch die das Innenleben des schnellen Brüters betrachtet werden konnte: In einem Nest aus Holzwolle lagen zwei gelbliche Eier, etwas kleiner als die Eier einer freilaufenden Junghenne. Auf dem Kasten prangte ein schwarz-gelber „Vorsicht Radioaktiv“-Aufkleber und auf der Rückseite waren die damals gängigen Anschlussbuchsen für Netzwerk und Drucker eingebaut. Wie auch bei einigen Innovationen der Naturheilkunde manifestierte sich die Idee hauptsächlich in der Verpackung, die den Glauben generieren sollte, der auf der Quantenebene bekanntlich Berge versetzt. „In unserem Fall“, so schloss ich, während Anke mich fassungslos anstarrte, „hatte das leider nicht geklappt. Die Waldorf-Komiker, die auf Barzahlung bestanden, waren über alle Berge (heute sind sie im Marketing eines bekannten Naturheilmittelherstellers tätig) und als nach einigen Wochen immer noch keine Pinguine geschlüpft waren, überlegte sich unser Fräulein Ilse, wie sie den Gau im schnellen Brüter der Verlagsleitung vortragen könnte. Es wurde ihr erster und letzter Vortrag.“ „Och, die arme Ilse“, sagte Anke aus mitfühlendem Herzen. „Mach dir keine Sorgen“, erwiderte ich. „Die Ilse ist gut untergekommen. Gerade naive Zeitgenossen, die bei den einfachsten Regeln logischen Denkens passen müssen, haben Hochkonjunktur. Wer als Wissenschaftler Forschungs- und Subventionstöpfe plündern will, muss die unglaublichsten Eier legen, auf die man erst mal kommen muss. „Hä?“ fragte Anke. „Klar! Was meinst du, wer manche Pharma-Studien halluziniert hat? Oder die Statistiken der Deutschen Impfkommission? Wer hat die 30.000 Influenza-Toten erfunden, die wir angeblich pro Jahr haben? Die giftigen Argumente der Amalgam-Verfechter, eine Gesundheitsreform, die an Absurdität nicht zu übertreffen ist – was meinst du, wer diesen ganzen Blödsinn erfindet? „Fräulein Ilse?“ stotterte Anke. „Genau.“ Ich lehnte mich zurück und genoss ihre Verwunderung. „Ilse, die ihre eiskalten Rache-Gedanken in einem Kühlraum ausbrütete, in dem sie bei 7° C wochenlang Eier beobachtete, die nicht piepen wollten. Das hat sie ziemlich traumatisiert. Jetzt piept es bei ihr und sie will es allen heimzahlen. Sie bekam vor Jahren einen Job bei der WHO und begann ihr stilles Wirken. Sie überarbeitete den Codex Alimentarius, erfindet Pandemien, lässt Studien über die Gefährlichkeit von Mobilfunk verschwinden …“. „Oh je“. Anke schauderte, „und ich dachte immer, die Pharma-Mafia oder eine Weltverschwörung würde dahinter stecken.“ „Nein“, sagte ich, „es ist unser Fräulein Ilse, die unterkühlte Göttin Kali!“ „Yessas.“ Anke seufzte. „Glaubst du, sie hat auch unsere Computer platt gemacht?“ „Nein, aber ich denke, ich sollte mich mal langsam darum kümmern“, sagte ich gewichtig. “Offensichtlich kriegen die das nicht allein in die Gänge. Vielleicht kann ich das Problem lösen“. Kurze Zeit später, auf dem Weg zurück zur Küche, hörte ich, wie die Damen zu ihren Arbeitsplätzen stürzten, weil alle Rechner hoch fuhren. Schluss mit Wandertag. Der Stolz, der sich auf meinen Lippen kräuselte, als mich Anke bewundernd ansah, hielt sich in Grenzen. Bescheiden wand ich mich meiner Küchenarbeit zu. Dass ich am Morgen den Server-Stecker aus der Dose gezogen hatte, um den Staubsauger anzuschließen, behalte ich wohl besser für mich. Eugen Pletsch |



An einem kalten, regnerischen Wintermorgen saß ich gemütlich mit Anke, unserer Azubine, in der Redaktionsküche und wartete, bis das Teewasser blubbern würde. Wir hatten unendlich viel Zeit, denn alle Räder stehen still, wenn es der Computer will.