Die Zen-Spülmaschine
…mal wieder Pletsch
Es war bei einem Montagsmeeting, als die Sprache auf den ZEN-Buddhismus kam. Ich schenkte den Damen gerade Tee ein. Voll konzentriert im Hier und Jetzt goss ich einer Redakteurin die Tasse so voll, dass sie überlief – die Tasse –, womit ich in alter ZEN-Tradition andeuten wollte, dass ich sie – die Redakteurin – nicht für aufnahmefähig hielt, was ich ihr schon lange mal sagen wollte.
„Pass doch auf“, maulte sie und empfahl mir, den Weg der Achtsamkeit zu studieren.
Ich deutete höflich an, dass ich ein Jünger des ZEN-Weges sei und die überlaufende Tasse ein KOAN für sie sei. Bescheiden, wie wir fortgeschrittenen ZEN-Adepten sind, fügte ich noch hinzu, dass ich es in all den Jahren natürlich zu keinem nennenswerten Erfolg gebracht hätte, worauf mir alle Damen, erstmals seit ich in dieser Redaktion arbeite, sofort zustimmten.
„Wenn du ein Jünger des ZEN-Weges bist“, sagte die Chefin mit süffisantem Ton, „dürfte es dir nicht schwer fallen, eine Anleitung für unsere Spülmaschine zu schreiben. Wie wär´s mit: ZEN und die Kunst, eine Spülmaschine zu bedienen?“
Ich war bedient und verzog mich.
In den nächsten Wochen saß ich jeden Morgen auf dem Küchenhocker und starrte die Spülmaschine an. Eine Spülmaschine reinigt, und Reinigung ist ein Aspekt buddhistischer Tugenden. Aber über eine Spülmaschine nachdenken und sich mit ihr in einer ganzheitlichen Erfahrung zu verbinden, sind zweierlei Dinge. Die Tage vergingen und die Spülmaschine wurde zum Problem.
Missmutig saß ich in der Redaktionsküche. Da stand sie – unnahbar, weiß und schweigend. Ich rührte lustlos in meinem „Haustee der sieben Glücksgefühle“. Trotz der harmonischen Mischung nach einem uralten chinesischen Rezept wollten sich bei mir keine Glücksgefühle einstellen. Wenigstens hatte ich meine Ruhe. Alle Damen waren zu einer Gesundheitsmesse ausgeflogen. Nur Anke, unser Indigo-Azubi, sollte nach der Berufschule ins Büro kommen, um den Telefondienst zu übernehmen. Endlich stand sie in der Tür.
„Huhu!“
„Selber Huhu“, grummelte ich.
„Na? Kontraindikationen nach Genuss von sieben Glücksgefühlen?“
Als sie sah, dass sie mich damit nicht aufheitern konnte, setzte sie sich neben mich: „Was ist los? Golfball verloren?“
Ich seufzte: „Shoshaku jushaku.“
„Ah, gut, dass wir mal darüber geredet haben. Shoshaku jushaku! Und was meinst du damit?“
Ich zeigte zur Spülmaschine, die mich höhnisch angrinste.
„Ja – das ist unsere Spülmaschine.“
„Shoshaku jushaku heißt: ununterbrochener Fehler.“
„Hä? Ist die Spülmaschine kaputt?“
„Nein, aber ich soll doch diesen Text schreiben: ZEN und die Kunst, eine Spülmaschine zu bedienen … Ich kriege es nicht hin.“
„Was kriegst du nicht hin?“
„Spülen hat eine elementare Bedeutung im ZEN. Die gesamte Lehre wurde in dem einen Satz ausgedrückt: Wenn du gegessen hast, spüle deine Schale, womit ausgedrückt werden soll, dass unser Streben nach Vervollkommnung im täglichen Tun beginnt.“
„Na, dann könnte es doch auch heißen: Wenn du gegessen hast, dann räum deinen Kram in die Spülmaschine und stell sie an“, überlegte Anke.
„Nein, eben nicht. Ich habe viele Schriften durchsucht. Eine Spülmaschine wird nirgends erwähnt. ZEN + Spülmaschine = Shoshaku jushaku. Ein ununterbrochener Fehler. Verstehst du?“
„Nein.“ Anke goss sich einen Tee ein.
„Mein gedanklicher Ansatz war: Spülmaschine – Wasser – fließendes Element, mit Pumpe – treibendem Element, und letztendlich die Leerheit der leeren Spülmaschine. Aber das sind nur Gedanken und Worte. Das Geheimnis wird dadurch nicht offenbar.“
Anke starrte mich an. „Du meinst, die Leere der Spülmaschine hat ein Geheimnis? Dann öffne sie und mach sie voll. Darum geht es doch!“, entfuhr es ihr.
„Wenn das so einfach wäre“, seufzte ich. „Kodo Sawaki sagt: Die Leere zu hören bedeutet, eine leere Pumpe am Anfang mit etwas Wasser zu füllen. Und das Wasser, das danach aus der Pumpe fließt, stammt weder vom Meister noch vom Buddha, sondern aus der Tiefe des eigenen Brunnens.“
„Äh, und was meint er damit?“ Anke runzelte die Stirn.
„Das weiß ich auch nicht. Deshalb sitze ich jeden Morgen vor der Spülmaschine und versuche sie in ihrem ganzen Sein zu erfassen.“
„Wie? Du sitzt jeden Morgen vor der Spülmaschine?
„Ja, 20 Minuten, dann gehe ich im Kinhin, der Geh-Mediation, durch die Redaktionsräume und schenke Tee aus. Dann sitze ich wieder 20 Minuten.“
„Um den Geist der Spülmaschine zu ergründen?“
„Genau. Den Weg der Reinheit. Dogen Zenji sagt im Shobogenzo: ,Wenn wir die Übung und Erleuchtung der Buddhas und Patriarchen aufrechterhalten, benutzen wir Wasser zum Reinigen und Säubern – das ist das Buddha- Dharma.‘ Leider sagt er nichts über Spülmaschinen. Er gibt jedoch Hinweise, die Reinheit zu überschreiten, indem wir Vorstellungen von „nicht rein“ und „nicht nicht rein“ in uns auflösen.“
„Aha.“ Anke nickte.
„Ja, Dogen fährt fort: ,Benutzt Nichts, um Nichts zu reinigen, und benutzt Nichts, um Körper und Geist zu waschen.‘ Er sagt aber nichts von Spülmaschinen, das macht die Sache so vertrackt, verstehst du?“
„Ich ahne, was du meinst.“
„Schön, dass mich irgendjemand versteht. Wie kann ich ZEN und die Kunst, eine Spülmaschine zu bedienen, schreiben, wenn in der Schatzkammer des wahren Dharma geschrieben steht: … bringt eure Schalen in die Küche, füllt sie mit warmem Wasser vom Herd und tragt sie zurück zum Waschbecken. Kein Wort von Spülmaschine!“
Anke nickte. „Das mag schon sein, aber Shunryu Suzuki sagt im Kapitel Nirwana, der Wasserfall: Doch wenn eure wahre Natur von Gedanken an Sparsamkeit und Nutzeffekt verdeckt ist, dann hat Dogens Handlungsweise freilich keinen Sinn.“
„Das hat er gesagt?“ Ich war baff.
„Ja“, fuhr unser erleuchteter Azubi fort, „und er sagte auch: Unser Verständnis vom Buddhismus ist nicht bloß ein intellektuelles Verstehen. Wahres Verstehen ist die wirkliche Praxis.“
Ich weiß nicht, ob es die Sonne war, die durchs Fenster knallte, oder dieser Satz, den Anke sagte. Jedenfalls war ich wie geblendet. Alles stand still.
„Beginnen wir mit der wirklichen Praxis: Was hast du empfunden, wenn du die Spülmaschine vollgepackt hast?“, fragte Anke.
Ich zögerte. Mit der Wahrheit rauszurücken war mir peinlich.
„Na?“
„Ich weiß es nicht. Ich hab noch nie eine Spülmaschine geöffnet, geschweige denn vollgepackt“, gestand ich.
„Das glaub ich nicht!“ Anke starrte mich an, vermutlich um festzustellen, ob ich nicht doch Spaß machen würde.
„Aber du spülst doch jeden Tag damit, du musst doch wissen, wie das geht.“
„Ich mache die Küchentür zu und spüle dann immer alles mit der Hand. Ich spüle gerne. Als junger Mann jobbte ich als Tellerwäscher in Hotels, später spülte ich in etlichen Seminarhäusern, Zentren, Ashrams. Sowie ich irgendwo hinkam, ging ich geradewegs in die Küche. Shih Te, der erleuchtete Küchengehilfe aus dem Kuo Chìng Kloster, ist mein Idol. Ich warte immer, bis ihr alle in den Büros seid. Dann spüle ich mit der Hand.“ Anke merkte, dass es mir ernst war.
„Na, dann wollen wir mal“, sagte sie und holte tief Luft. Sie öffnete die Spülmaschine, zog die Wagen vor und erklärte mir, wie sie zu beladen wären, damit möglichst viel reinpasst, ohne dass etwas kaputtgeht. „… und hier füllst du das Spülmittel ein und dann drückst du diesen Knopf, und fertig“, schloss sie ihren Vortrag.
Erstmals in meinem Leben drückte ich den Knopf, und das weiße Monster fing an zu summen. Wir setzten uns hin und schrieben alles auf, während ich endlich die Glücksgefühle der Teemischung genießen konnte.
„Wirkliche Praxis führt zu wahrem Verstehen“, dachte ich.
Am nächsten Montag nach dem Morgenmeeting drückte ich der Chefin unseren Spülmaschinen- Text in die Hand.
„Ja? Was ist das?“
„Na – was Sie bestellt hatten: ZEN und die Kunst, eine Spülmaschine zu bedienen!“
- Maschine sinnvoll (!) einräumen: Nichts darf übereinander stehen, sich gegenseitig verdecken o. Ä., der Wassersprüher muss frei rotieren können
- Ggf. Salz und Klarspüler auffüllen, Tab einlegen
- Wasser am Hahn aufdrehen (nach links)
- Tür schließen, Drehknopf auf Stufe 2 (,NORMAL‘) oder 3 (,ECO‘ = sparsam) stellen
- Knopf links drücken: „Ein/Aus“; Knopf ganz rechts neben Drehknopf drücken: „Start“
- Kontrolllampe: Blinken = läuft; durchgehendes Leuchten = Pause
- Maschine läuft so ca. 1 1/2 Std., daher bitte nicht mehr nach 15 Uhr anschalten
- Wenn die Maschine fertig ist, piepst sie 8x (!) – vorher trocknet sie noch
- Wasser wieder abstellen (nach rechts)
Die Chefin lächelte. „Ich bin beeindruckt. Dabei hätte ich eine Wette abgeschlossen, dass du heimlich mit der Hand spülst, weil du – wie die meisten Männer – nicht weißt, wie man eine Spülmaschine bedient.“ Freundlich nickte sie mir zu und verschwand in ihrem Büro. Im Flur hörte ich Anke kichern.
Eugen Pletsch
Quellen:
- Dogen Zenji und Kodow Sawaki Angkor-Verlag
- Shunryu Suzuki "ZEN-Geist Anfänger-Geist", Theseus-Verlag
