Wu Wei – Hitzefrei!
…mal wieder Pletsch
Prolog: Durch karmische Zufälle wurde Golfautor Eugen Pletsch Mitarbeiter eines Magazins für Naturheilkunde, aber nicht, wie er hoffte, als Marketing-Spezialist, sondern als Hausfaktotum und Redaktionsgeisha. Von der Küche aus begleitet er die steile Karriere von Indigo-Azubi Anke, die mittlerweile Assistentin der Geschäftsleitung ist. Trotzdem sind beide gute Freunde.
Die Klimaanlage war ausgefallen. Schwüle Hitze hing schwer wie ein nasses Bärenfell über unseren Redaktionsräumen. Die sonst fröhlich zwitschernden Stimmen meiner Kolleginnen waren verstummt. Wie Wasservögel in Strand-Öl klebten sie in ihren luftigen Blusen und bunten Röcken vor den Computern, auf denen Grönlands Gletscherlandschaft als Bildschirmhintergrund zu sehen war. Alle träumten von kühlen Drinks im Schatten einer Strandbar, aber kühle Drinks sind bei uns tabu.
„Heißer Sommer – heiße Getränke!“ war die Devise, nachdem unsere Redaktionsleiterin über die Schädlichkeit kalter Softdrinks recherchiert hatte. Sie bestand auf Tee für alle, und ich versuchte, neue Rezepte zu entwickeln. Beliebt war zum Beispiel ein Mix aus Zitronen-Melisse und Pfefferminze (wobei ein Pflanzenstengel im Glas stand, das mit einer Scheibe Bio-Zitrone dekoriert war). Der grüne japanische Pulver-Tee, den ich gemäß Kakuzu Okakuras Anweisungen mit dem Bambuspinsel schaumig schlug, schien auch unserer Redaktionsleiterin zu munden.
An diesem heißen Tag war sie zu Terminen unterwegs, weshalb ich mir die Freiheit nahm, nicht – wie sonst üblich – im schwarzen Meditationsanzug, sondern etwas freizügiger zu agieren. Anstatt Hosen trug ich ein ockerfarbenes Swami-Tuch um die Hüften, das ich während der Wirren der ersten Ölkrise 1973 in Nordindien, genauer gesagt in Kanpur, auf dem Straßenmarkt erstanden hatte. Dazu trug ich eine kurze pakistanische Weste, offen und bauchfrei, was bei jungen Leuten als modisch gilt. Nur habe ich da, wo es „bauchfrei“ ist, eine Chi-Trommel vom Format eines chinesischen Glücks-Buddhas entwickelt. Den Damen war es bei dieser Hitze jedoch piep-egal, ob ich im Outfit eines ZEN-Mönches oder im Format eines arabischen Eunuchen servierte. Nachdem ich meine Runde gemacht hatte, zog ich mich zurück, um nachzudenken. Das war das Schöne an diesem Tag: Jede Hektik war verpönt, und so meditierte ich über meiner Teetasse über den Sinn und Unsinn der Dinge. Neben mir meditierte Anke. Dabei starrte sie auf eine Fliege, die sich am Oberlichtfenster immer wieder den Kopf anschlug und schaute, als hätte sie gerade eine Einsicht in höhere Welten gehabt. Ich meine Anke, nicht die Fliege!
„Die rafft es einfach nicht, die Fliege“, sagte Anke irgendwann.
Sie will und will, knallt dabei immer wieder an die Scheibe und kommt einfach nicht weiter.“
„Alles geschieht – WU WEI“, sagte ich, der ich Anke gerne mit meiner Altersweisheit traktierte.
„WU WAS? Was‘n das?“, murmelte sie, ohne ihren Blick vom Oberlicht ihrer höheren Welten abzuwenden.
„WU WEI! Ohne Tun. Taoisten bezeichnen damit einen Zustand, in dem sich die Tausend Dinge von selbst regeln, wenn man sich nur lange genug aus allem heraushält. Politiker machen das auch so. Helmut Kohl war dafür berühmt …“
„Also … WU WEI ist, wenn die Fliege einfach Ruhe hält und wartet, bis jemand das Fenster aufmacht?“
„So ähnlich!“
„Und was, wenn niemand das Fenster aufmacht?“
„Dann dämmert ihr vielleicht die Erkenntnis, dass sie auf der Seite des Fensters ist, wo sie Nahrung findet, während sie auf der anderen Seite der Scheibe selbst zu Nahrung wird.“
„Hm.“ Anke gähnte.
„Alles geschieht zu seiner Zeit“, fuhr ich fort, „dabei ist Zeit auch nur ein abstrakter Begriff ohne wirkliche Substanz.“
„Aber wenn Zeit unwirklich ist, sozusagen Maya, wie das gesamte Universum, warum hat dann nie jemand Zeit für irgendetwas? Von Zeitlosigkeit ist in unseren Redaktionsräumen eigentlich nichts zu spüren.“
Die Fliege war zu meiner Tasse geflogen. Anke folgte ihr mit dem Blick und trank dann einen Schluck von ihrem Ingwertee. „Eigentlich hat hier doch nie jemand Zeit für irgendwas.“
„Das ist an sich richtig, aber in dieser Hitze schmilzt die nicht vorhandene Zeit in sich zusammen und entlarvt sich als Illusion.“
„Aha!“ Anke wurde wach. „Und wenn die Zeitlosigkeit in sich zusammenschmilzt, haben wir plötzlich unendlich viel Zeit, um rumzusitzen und zu warten, bis die Gletscher auf den Bildschirmen schmelzen?“
„Genau!“
„Während die kosmischen Heinzelmännchen alles tun, was getan werden muss.“
„Yep!“
Wir hingen den Hitzeblasen unserer wirren Gedanken nach und träumten von geschmolzener Zeit, als sich urplötzlich die Göttin KALI in unserem Zeit-Raum-Kontinuum manifestierte. Es war unsere Redaktionsleiterin, die vollkommen unerwartet in unser zeitlos-träges Universum platzte.
Sehr elegant, in weißes italienisches Leinen gekleidet (und wie mir schien mit Knochen in den Haaren und Schwerter in den Händen), raste sie wie ein Feuerball durch unseren Flur: „Alle sofort in den Konfi!“
Als sie mich sah, erstarrte sie kurz: „Wie siehst du denn aus?“
„… äh …“ Ich versuchte, den Bauch einzuziehen. „Geschäumten grünen Tee?“
Anke versuchte, ihr berüchtigtes Gackern zu unterdrücken. Die Chefin schien irritiert, besann sich, nickte, und mit einem „Aber nicht in diesem Aufzug!“ raste sie weiter in Richtung Konferenzraum.
Kaum 5 Minuten später schob ich meinen Teewagen in offizieller Dienstkleidung Richtung Konfi. Dort fächelten sich die Damen, die aus ihrer Trance erwacht waren, heiße Luft zu.
„Also“, begann die Redaktionsleiterin,„ich bin heute Abend zu einer Veranstaltung anlässlich eines Heilpraktiker-Kongresses eingeladen, aber es ist mir leider unmöglich, den Termin wahrzunehmen. Irgendwer von uns muss dort Flagge zeigen.“
Aha, dachte ich. Deshalb die Aufregung. Sie hat einen Termin verbaselt.
„Ich weiß, es ist sehr kurzfristig“, fuhr sie fort, „und ich bedaure, dass ich den Termin nicht selbst wahrnehmen kann, aber es ist, wie es ist. Wer von euch könnte da hingehen? Alles vollkommen problemlos. Nur grüßen, lächeln und Visitenkarten austauschen. Es wird also zwanglos geplaudert, Fachgespräche sind verpönt. Dafür gibt es leckeres Essen und es wird getanzt. Also: Wer hat Lust?“
Hoffnungsfroh schaute sie in die Runde.
Ich dachte, alle würden aufspringen, aber die Damen senkten die Köpfe. „Ich muss zu den Kindern.“ „Ich habe Abendschule.“ „Wir fahren heute doch weg …“. Niemand hob die Hand. Selbst Anke duckte sich weg.
„Hm. Gut. Da kann man nichts machen. Dabei wäre es für unseren Verlag wichtig gewesen. Schade.“
Sie schien enttäuscht.
„Nur nett grüßen, lächeln und Visitenkarten austauschen? Das könnte ich auch“, sagte ich zaghaft.
Die Verzweiflung in ihren Augen war offensichtlich.
„Du?“, fragte die Chefin mit einem Zittern in der Stimme. „Das … äh … wäre natürlich … äh … wunderbar.“
Sie schien selbst nicht zu glauben, was sie da sagte.
„Hast du … äh … etwas Passendes anzuziehen?“
„Außer meinem Sarong-Tuch? Natürlich! Ich könnte meinen Honecker-beigen Sommeranzug tragen.“
„Kannst du tanzen?“, wollte Anke wissen. Sie schien sich das kaum vorstellen zu können.
„Nicht in Birkenstock-Sandalen, aber ich galt zu meiner Zeit als flotter Tänzer. Natürlich habe ich passende Schuhe zum Anzug …“
„So sei es“, sprach unsere erleichterte Chefin, die offensichtlich froh war, eine Lösung gefunden zu haben. Sie wies die Grafik an, mir auf dem Laserdrucker ein paar Visitenkarten zu machen.
„Was könnten wir dir für einen Titel geben?“ Sie dachte nach.
„Wie wäre es mit: WU WEI Unternehmenskommunikation?“, fragte ich.
„Ja, das klingt irgendwie quantig-cool“. Anke nickte zustimmend.
„WU WEI Unternehmenskommunikation“, beschloss die Chefin versöhnlich. „Was immer das heißen mag. Dann wäre auch das geklärt. Jetzt noch eine Frage: Warum ist es hier eigentlich so heiß?“
„Weil die Klimaanlage ausgefallen ist“, riefen alle im Chor.
„Wie bitte? Und das erfahre ich erst jetzt?“
KALI schien wieder in ihr zu erwachen. Sie schaute mich an.
„Hast du beim Staubsaugen mal wieder den falschen Stecker gezogen?“
Ich verneinte.
„Na, jedenfalls: So kann man nicht arbeiten. Also raus mit euch: HITZEFREI!“
Fortsetzung folgt
