Die Akasha-Chronik

Veröffentlicht in Heftarchiv - Heft 05/2011

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„Hallo! Halloooo! Wo bist du?“

„Hier unten im Keller.“

„Dass du im Keller bist, weiß ich, aber wo?“ Ankes Stimme hallte durch die uralten Gänge im Keller unseres Verlagshauses. Ich liebe diesen Keller, den ich täglich aufsuche, um angeblich das Archiv zu ordnen. Tatsächlich aber lege ich mich auf ein Feldbett, das hinter einem Regal versteckt ist. Der Keller ist in der heißesten Zeit des Jahres der einzig erträgliche Ort, um ein Nickerchen zu halten.

„Ach, hier bist du?!“

Anke trat hinter einer Säule hervor.

„Versteckst du dich hier?“

„Das könnte man so sagen. Ich verstecke mich vor der Wirklichkeit.“

„Wie bitte?“

„Ich sah gestern in der ARD einen Bericht über den WWF. Unglaublich. Die stecken tatsächlich mit Monsanto unter einer Decke und unterstützen die sogenannte ,Grüne Gentechnik‘, mit der multinationale Konzerne ein Land nach dem anderen kontaminieren. Manchmal kann ich es einfach nicht mehr hören. Deshalb komme ich hierher und verstecke mich vor der Wirklichkeit.“

Anke schaute sich um.

„Das ist wirklich ein riesiger Keller.“

„Oh, ja – und uralt! Siehst du diese weiß glasierten Steine?“

Ich deutete auf ein paar weiße Kacheln, die auf eine ehemalige Waschküche hinwiesen.

„Ja, was ist damit?“

„Ich vermute, die sind ägyptischen Ursprungs.“

„Wie bitte?“

„Ich habe meine Forschungen noch nicht abgeschlossen, aber da unser Verlagsgebäude eine quadratische Rhomben-Form hat, vermute ich, dass es sich bei dem Komplex um den oberen Teil einer ägyptischen Pyramide handelt, deren Spitze irgendwann aus Gründen der Tarnung abgetragen wurde. Alle Pyramiden waren einst mit einem weißen Keramikmaterial überzogen, das von Außerirdischen stammte. Nachdem ägyptische Eingeweihte das Land am Nil verlassen mussten, zogen sie nach Norden, um ihr geheimes Wissen zu bewahren.“

„Bei uns im Haus? Unser Verlagsgebäude ist Teil einer Pyramide und die Kacheln im Keller stammen von Außeririschen? Habe ich das richtig verstanden?”, wiederholte Anke langsam.

Ich nickte.

„Und woher weißt du das?“

„Aus der Akasha-Chronik, so eine Art Astral-Google, wo alles Wissen des Universums gespeichert ist.“

„Und wie kommt man da dran?“

„Man sucht sich ein ruhiges Plätzchen, wie hier im Keller. Dann legt man sich in der Stellung der ägyptischen Eingeweihten (die Hände vor der Brust gekreuzt) auf ein Feldbett und fällt in eine tiefe Trance, in der sich alle Geheimnisse offenbaren. Als Indigo-Kind solltest du das eigentlich wissen.“

„Und wieso meinst du, dass ich ein Indigo-Kind bin?“

Anke schaute mich fragend an und trommelte dabei mit den Fingern auf einer Kiste.

„Du akzeptierst keine Autoritäten und reagierst nicht auf Disziplinierungsversuche, verweigerst dir sinnlos erscheinende Handlungen, läufst gegenüber ritualisierten Systemen Amok, bist eine Querdenkerin und hattest Schulschwierigkeiten.“

Anke setzte sich auf die Kiste.

„Und das steht in der Akasha-Chronik?“

„Nein, das habe ich in Wikipedia gefunden. Indigo-Kinder sind Vorboten einer neuen, außerirdischen Lebensform, weshalb du zu uns in dieser Pyramide gefunden hast.“

„Aber sonst geht es dir gut?“, fragte Anke besorgt.

„Wie meinst du das?“

„Na ja, ehrlich gesagt befürchte ich, dass du einen am Sträußchen hast.“

„Am Sträußchen?“

„Ja, du hast einen Vogel. Bei Dir piept’s. Du hast nicht mehr alle Tassen im Schrank!“

Ich musste lachen.

„Anke! Das ist wunderbar!“

„Was ist wunderbar?“

Sie schaute verunsichert.

„Na, dass du nicht jeden Blödsinn glaubst! Du bist in einem naturheilkundlichen Verlag beschäftigt. Wir befinden uns frei schwebend in einem Zustand extrem widersprüchlicher Informationen. Du hast bei uns ständig mit den verschiedensten Energien zu tun, deren Ursprung oft unklar bleibt. Jeder pocht auf sein Wissen und meint, das große Geheimnis entdeckt zu haben. Also bleibt dir als einzige Orientierung dein gesunder Menschenverstand. Herzlichen Glückwunsch. Du hast bestanden!“

Ich klopfte ihr auf die Schulter. Anke schaute mich an, als würde sie mir gleich in die Hand beißen.

„Aber jetzt sag mal, was führt dich denn zu mir?“, fuhr ich fort.

„Ach so, ja, stimmt. Du hattest doch mal das Heilmittelwerbegesetz und diesen Abmahnverein erwähnt …“

„Richtig. Und was ist damit?“

„Immer mehr Kunden, mit denen ich wegen Anzeigen telefoniere, fühlen sich drangsaliert. Sie mussten Abmahngebühren zahlen und dürfen ihre Produkte nicht mehr bewerben. Das kann doch alles nicht wahr sein, oder?“

„Oh doch, genau das ist dieser irrsinnige Teil der Wirklichkeit, vor dem man sich am liebsten verstecken möchte. Angeblich um Orang- Utans zu schützen, kollaboriert der WWF mit Konzernen, die Urwälder abholzen. Angeblich um den Verbraucher zu schützen, gibt es ein veraltetes Heilmittelwerbegesetz, das einem dubiosen ‚Verein’ ermöglicht, die gesamte Naturheilmittelbranche abzuzocken. Und was dieser Abmahnverein nicht platt macht, wird von den Pharmabürokraten zerlegt. Wichtige Hersteller werden ins Ausland vertrieben oder sind bereits ganz vom Markt verschwunden.“

„Aber das muss ja mal irgendwann angefangen haben?“

„Wie das anfing, kann ich dir erzählen. Das hängt nämlich auch mit dem gesunden Menschenverstand zusammen, der einigen Hinterwäldlern aus Pommern fehlte, die es zu Zeiten Bismarcks nach Berlin verschlagen hatte. Deshalb sollten sie vor medizinischen Quacksalbern geschützt werden. Das Heilmittelwerbegesetz müsste dringend überarbeitet werden, aber das geschieht leider nicht.“

„Und warum nicht?“

„Zum Beispiel, weil sich die schulmedizinische Lobby die Hände reibt, wenn sich Alternativmediziner gegenseitig mit Abmahnungen fertig machen.“

„Was passiert bei einer Abmahnung?“

„Zuerst erfolgt eine relativ glimpfliche Geldbuße von einigen Hundert Euro. Aber man muss eine Unterlassungserklärung abgeben, die im Wiederholungsfalle Geldbußen von etlichen Tausend Euro pro Vergehen vorsieht, die als Strafe an den Abmahnverein gezahlt werden muss. Es folgen meist gerichtliche Auseinandersetzungen, und da die Abmahnvereine bei Strafverfahren das freie Wahlrecht haben, können sie sich einen örtlichen Staatsanwalt nach ihrem Gutdünken auswählen. Leider sind bestimmte Gerichte bekannt dafür, häufiger zugunsten der Abmahnvereine zu urteilen. Der dumme Alternativmediziner oder die biologische Heilmittelfirma haben deshalb vor Gericht kaum eine Chance.“

Anke schaute grimmig. „Ein Skandal. Wo bleibt da bitte der gesunde Menschenverstand?“

„Das ist ja noch nicht alles: Deutschland war einst das Mutterland alternativmedizinischer Verfahren. Aber seit Jahrzehnten versucht eine der Schulmedizin hörige Gesundheitspolitik, der Alternativmedizin das Leben schwer zu machen.“

„… und die Schulmedizin ist längst von multinationalen Konzernen instrumentalisiert worden, die hierzulande nicht mal Steuern zahlen!“

„Wo hast du das denn her?“

„Hans Weiss: Korrupte Medizin!“

Einen Moment lächelte sie triumphierend, schaute aber sofort wieder resigniert.

„Aber was sage ich meinen frustrierten Kunden? Viele trauen sich überhaupt nicht mehr zu annoncieren und ich muss unbedingt noch ein paar Anzeigen für die nächste Ausgabe zusammenbekommen.“

„Ich überlege, warum sich Heilpraktiker-Verbände und Naturheilmittelfirmen nicht zusammenschließen könnten und einen Rechtshilfefonds gründen, um der Sache mal auf den Grund zu gehen.“

„Das wäre wichtig. Heilpraktiker verlieren immer mehr wichtige Medikamente und die Hersteller ihre Existenzgrundlage.“

„Das Problem liegt vermutlich darin, dass sich die verschiedenen naturheilkundlichen Richtungen untereinander nicht grün sind und jeder sein eigenes Süpplein kocht. Dadurch ist es für die Abmahnvereine leicht, die Naturheilmittelbranche zu zerlegen und die großen Konzerne reiben sich die Hände. Der Verband A.N.M.E . hat sogar angeregt, die ayurvedische Medizin zum Weltkulturerbe zu erklären, damit sie vor der WHO und den Eurokraten geschützt werden kann.“

„Ich glaub‘, ich bin im falschen Film.“ Anke schüttelte sich. „Die haben doch eine Vollmeise! Gibt es denn keine gute Nachricht?“

„Doch. Da scheint sich gerade etwas zu ändern. Das besagt zumindest ein Artikel im Report Naturheilkunde.“

„Komm, erzähl!“, Anke rutschte mit ihrer Kiste näher.

„Ein Herr Tischler schreibt, dass es sich bei dem dubiosen ,Verband sozialer Wettbewerb‘ nicht um ‚einen aktiv legitimierten Wettbewerbsverband handelt, sondern um einen nicht klagebefugten Abmahnverein‘.“

„Und was heißt das?“

„Dass dieser Verein juristisch gar kein ‚aktiv legitimierter Wettbewerbsverband‘ ist, weshalb sie auch nicht abmahnen dürften.“

Anke fasste sich an den Kopf.

„Eine Kanzlei konnte Deutschlands Naturheilmittelbranche jahrelang in den Wahnsinn treiben?“

„Yep. Mehrere Gerichte, so schreibt Herr Tischler, haben dem Berliner ‚Sozialverein‘ die Klagebefugnis bereits abgesprochen und es heißt, es handele sich bei dem Verein um einen rechtsmissbräuchlich agierenden Abmahnverein, der von den dahinter stehenden Anwälten maßgeblich gesteuert wird.“

„Das ist der Hammer!“

 „Das kannst du laut sagen: Dieser ominöse Verband wird von einer speziellen Kanzlei geführt, ,deren tatsächliches Tätigkeitsbild nicht gemeinnützigen Zwecken dient, (…) der Mehrung der Einnahmen der Anwaltskanzlei‘. Dabei bedient man sich zweifelhafter Methoden. Die Geschäftsführerin des Vereins ist eine Freundin der leitenden Rechtsanwälte. Herr Tischler schreibt, dass dieses System auf ‚Abmahnterror’ basiert und ‚insoweit mit der Arbeitsweise von in südlichen Ländern existierenden Organisationen vergleichbar ist“.

„Eine gelungene Formulierung.“

„Das finde ich auch. Und das Schönste – falls es stimmt – kommt noch: ‚Alle zu Gunsten dieses ominösen Abmahnvereins ergangenen Urteile sind demnach zu Unrecht ergangen und somit rechtswidrig.’“

„Und das weißt du alles aus der Akasha-Chronik?“

Anke lächelte. Dann, als habe sie eine Eingebung gehabt, sprang sie auf und flitzte davon.

„Hey, wo rennst du hin?“

„Na, alle meine Kunden anrufen!“

Schon war sie weg. Ich legte mich auf mein Feldbett, begab mich in Stellung der ägyptischen Eingeweihten und versank in tiefe Meditation, bis ich von meinem Schnarchen geweckt wurde.

Eugen Pletsch