Der WUWU-TEE

Veröffentlicht in Heftarchiv - Heft 01/2012

Nachdem Golfautor Eugen Pletsch drei satirische Erfolgstitel im KOSMOS-Verlag veröffentlicht hatte, wurde er durch karmische Zufälle Mitarbeiter eines Magazins für Naturheilkunde, aber nicht – wie geplant – als Marketing-Spezialist, sondern als Haus-Faktotum und Redaktionsgeisha. Von der Küche aus begleitet er die steile Karriere von Indigo-Azubi Anke, die mittlerweile Assistentin der Geschäftsleitung ist. Trotzdem sind beide gute Freunde.

© ankurpatil - Fotolia.comOh je! In Finnland dürften 20% aller Bürger nicht mehr ausspucken, weil die Quecksilbermengen im Speichel die dortigen Grenzwerte überschreiten und ihr Stuhlgang müsste eigentlich als Sondermüll entsorgt werden... *

Die Machenschaften der Amalgam- und Mobilfunkmafia lasen sich wie ein Thriller, weshalb ich etwas genervt war, als die Chefin in die Redaktionsküche rauschte, um mir einen Fragenbogen in die Hand zu drücken.

„Ja, auch Sie!“, sagte sie und klackerte auf italienischen Designer-Pumps in ihr Büro zurück. Diese Kriegerinnen-Pumps trägt sie, wenn sie im Haus für Ordnung sorgen muss oder zu einem Akquisitions-Raubzug aufbricht.

Der Fragebogen war die Vorlage einer Arbeitsplatzbeschreibung. Offensichtlich war es einem Nebelkerzen-Produzenten gelungen, der Chefin eine Unternehmensberatung aufzuschwatzen, die üblicherweise in mehreren Schritten erfolgt: Zuerst müssen alle Mitarbeiter Arbeitsplatzbeschreibungen ausfüllen, dann werden „Umstrukturierungen“ zur Kosteneinsparung eingeleitet, heißt: Die Leistungsträger werden entlassen und die Dummschwätzer befördert. Im nächsten Schritt verlässt der Unternehmensberater die Firma fluchtartig, weil der Erfolg ausbleibt und seine abstrusen Honorare nicht mehr gezahlt werden können. Der Insolvenzverwalter macht dann den letzten Schritt und klappt die Bücher zu.

Dass die deutsche Wirtschaft trotz dieser Sabotageakte meist amerikanischer „Berater- Unternehmen“ immer noch irgendwie funktioniert, ist wirklich erstaunlich.

Jetzt hatte es uns erwischt. Sehr unerfreulich. Ich goss mir einen WUWU-Tee auf, den ich übrigens selbst erfunden habe. WUWU heißt: „Inspiration ohne Transpiration“ oder auf Deutsch: Ideen bekommen, ohne nachzudenken. Mit diesem Tee könnte ich bei Werbeagenturen und in Redaktionen ein Vermögen machen!

Während der Tee zog, schaute ich den Fragebogen durch. Ich sollte ALLE meine Tätigkeiten beschreiben. Also gut: Ich mache Tee, räume die Küche auf, gieße die Pflanzen, und wenn alles schnurrt und summt, verziehe ich mich in den Keller, angeblich um das Archiv aufzuräumen. Nach meinem Nickerchen gieße ich Tee nach, ratsche in der Küche mit Anke, und wenn die Sonne lacht, verschwinde ich auf den Golfplatz. Das war`s. Aber – ob das dem Unternehmensberater ausreicht? Mir kamen Zweifel.

Der WUWU-Tee hatte zu lange gezogen und schmeckte bitter. Na ja, marktfähig war das Gebräu noch nicht. Nach einem weiteren Schluck lehnte ich mich entspannt zurück, schaute auf mein Arbeitsblatt und lächelte. Dann begann ich zu schreiben.

Ich schrieb über meine Arbeit als Kommunikator zwischen den Abteilungen (Tee bringen), erfand Studien über die Bedeutung von Zimmerpflanzen für die Betriebsgesundheit und ihre Wirkung gegen Elektrosmog, sowie schwarzmagischen Attacken gewisser Naturheilkunde- Gegner. Die Beschreibung meiner Arbeit im Verlagskeller las sich, als hätte ich die Archivierung neu erfunden. Die Gespräche mit Anke wurden zu einem In-House-Consulting zur ganzheitlichen Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern. Meine Rolle als Hausphilosoph, Ideengeber und Stratege erwähnte ich ebenso wie meine Außendienst-Einsätze auf dem Golfplatz, wo sich Akquisition, Networking und die Eigenverantwortung für Gesundheit und Fitness optimal miteinander kombinieren lassen. Acht Seiten hatte ich geschrieben, als es klopfte. Anke!

„Na, wieder zurück? Wie war es?“

„Puh, also ich muss schon sagen: Diese Fachtagungen haben es in sich!“

„Komm, erzähl, was war das Thema?“

Ich schenkte ihr eine Tasse Ginseng-Tee ein, denn für WUWU-Experimente war sie mir zu schade.

„Diese Elektrosmog-Tagung war heftig. Ich dachte, da geht es ganz relaxed zu und ich könnte ein bisschen chillen …“.

„Aber es kam anders?“

„Das kannst du laut sagen!“

Anke nippte an ihrem Tee.

„Der Vortragende, selbst ein Elektrosmog-Sensibler, kam zwei Stunden zu spät, weil er sich wegen der Haarp-Strahlung nicht aus seinem Wohnwagen traute. Dann kam er, von Kopf bis Fuß in ein grau beschichtetes Tuch eingewickelt. Unter dem Tuch knatterte ein Messgerät, mit dem er versuchte, eine Stelle zu finden, von der aus er sprechen könnte.“

Anke wollte gerade fortfahren, als es klopfte.

Ein mageres Bürschlein in einem dunklen Anzug stand in der Tür. Wie alle Unternehmensberater hatte er einen kahlen „Egghead“ und trug eine randlose Brille.

„Haben Sie die Arbeitsplatzbeschreibung ausgefüllt?“

„Ja“, sagte ich, „aber zeigen Sie die nicht unserer Chefin, sonst flippt sie aus.“

Ich versuchte, ihm damit ein Lächeln abzuringen, was misslang.

„Auch Ihre Chefin füllt diesen Bogen aus“, sagte er bestimmt, „und die Inhalte sind streng vertraulich. Sie werden von einer vereidigten Sachverständigen-Software ausgewertet, die uns dann ihre Empfehlungen mitteilt.“

„Na dann – viel Spaß mit Ihrem Digital-Orakel.“

Er verkrümelte sich. Anke schaute mich fragend an.

„Wieso warst du erst heute dran? Wir haben den Blödsinn schon letzte Woche ausgefüllt.“

„Ich dachte, dass ich das als Externer nicht muss, aber die Chefin hat mich vorhin dazu verdonnert. Aber weiter – was machte der Elektrosmog-Mann?“

Anke kicherte: „Der tappte eingewickelt im Saal herum, während es unter seiner Toga knisterte und knatterte. Dann ging er in die Lobby, knallte mit dem Kopf an eine Säule und verschwand schließlich in der Herrentoilette.“

„Und ihr alle hinterher?“

„250 Leute! Das Geknistere und Gepiepe versiegte plötzlich. „Hier!“ rief er, und der Hausmeister versuchte, ein schnurloses Mikro zu installieren. Das war dummerweise angeschaltet, worauf das Messgerät schrecklich laut zu kreischen begann …“

„Über die Hallen-Lautsprecheranlage …?“

„Genau. Eine ältere Dame erlitt einen Hörsturz. Das schnurlose Mikro wurde dann durch eines mit Kabel ersetzt. Dazu mussten aber Leitungen zum Klo gelegt werden, was nicht so einfach war, da sich mehr als 100 Zuhörer in der Herrentoilette zusammengedrängt hatten, um mit dem Referenten über die Klotür hinweg zu diskutieren.“

„Auch die Damen?“

„Auf der Tagung waren fast nur Frauen.“

„Und dann?“

„Schließlich begann er seinen Vortrag über Mobilfunk. Wusstest du, dass wir in Deutschland die höchsten Grenzwerte weltweit haben, die in öffentlichen Verkehrsmitteln bisweilen noch mal um das 10-fache überschritten werden? Kritische Wissenschaftler und ihre Studien werden natürlich von der Mobilfunklobby diskreditiert … “.

„Radioaktivität, Mobilfunk, Gentechnik – immer die gleichen skrupellosen „Experten“ verharmlosen, wofür keine Versicherung zahlt, wenn der Ballon platzt.“

„Wenn du wüsstest, was beinahe geplatzt wäre. Immerhin blockierten wir die Toilette zwei Stunden lang …“.

„Das musst du jetzt nicht ausführen … aber ich ahne, wovon du redest … Hey … hör mal, da draußen …“.

Im Verlagsflur wurde laut gebrüllt. Wir öffneten die Küchentür einen kleinen Spalt und sahen unsere Chefin in ihrer DURGA-Verkörperung, in der sie Drachen, Götter und Dämonen in Schrecken versetzen konnte.

„Sind Sie komplett wahnsinnig geworden?! Raus mit Ihnen! Lassen Sie sich hier nie wieder blicken!“

Ein verschrecktes Beratermännlein im schwarzen Anzug hechtete durch den Flur Richtung Ausgang. Sein Laptop flog über ihn hinweg und knallte an die Wand.

„Nie wieder!“

Die Chefin spie Flammen und Rauch. Dann knallte sie ihre Türe zu und es herrschte absolute Stille. Wir wagten kaum zu atmen. Irgendwann, wie mir schien nach Stunden, sagte Anke:

„Vielleicht sollte ich mal nach ihr schauen?“

Ich nickte. Immerhin war sie die Assistentin der Geschäftsleitung.

Es war kurz vor Feierabend, als Anke endlich wieder auftauchte.

„Und?“

„Ich muss hier sofort raus“, stöhnte sie, „ich platze gleich …“

„Was war los?“

Ich war wirklich neugierig. So hatte ich die Chefin noch nie erlebt.

„Was, um alles in der Welt, hast du in deiner Arbeitsplatzbeschreibung geschrieben?“

„Wieso?“

„Weil die vereidigte Sachverständigen-Software nach Auswertung aller Fragebögen die Empfehlung gab, der Chefin zu kündigen! Du solltest neuer Geschäftsführer werden.“

Prustend huschte Anke zum Ausgang.

Hm, dachte ich. Eigentlich ein sympathischer Mann, dieser junge Eierkopf, der jetzt vermutlich keinen Job mehr hat. Ob ich ihm meinen WUWU-Tee zur Vermarktung anbieten sollte? Es war ein spätsommerlich warmer Novembertag und so fuhr ich zum Golfplatz, um über diese Frage nachzudenken.

* Quelle – unbedingt lesenswert: Dr. med. Joachim Mutter, „Gesund statt chronisch krank“, fit fürs Leben-Verlag

Eugen Pletsch
Eugen Pletsch