Abhängigkeit zwischen Therapeut und Patient in der Psychotherapie

Veröffentlicht in Heftarchiv - Heft 02/2000

Drehbuch für Dramen

Sie sind klassische Stoffvorlage für Hollywood-Kinodramen, Soap-Operas und unendlich viele Erotik- und Krimigeschichten: Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Therapeut und Klient sind aber nicht ausschließlich Produkte phantasiebegabter Autoren, sie sind nicht selten, und werden nicht selten durch die Klienten angestrebt und provoziert. Wie sich der Therapeut sinnvollerweise darauf einstellt und Abhängigkeiten vermeidet, darüber muss in Ausbildung und Supervision erheblich mehr gesprochen werden.

Theorie und Wirklichkeit

Meist funktioniert es ja komplikationslos: Die Rahmenbedingungen der Beratung/Behandlung werden zwischen Therapeut und Klient gemeinsam vereinbart. Die Therapie gründet auf einen Dienstleistungsvertrag, und wenn dieser beendet ist, endet auch die Arbeitsbeziehung So die reine Theorie. In der Therapierealität werden Themen aufgegriffen und bearbeitet, die sich aus starkem Leidensdruck des Klienten ableiten. Hilfe sucht er vorwiegend dann, wenn er nicht mehr weiter kann, ohne Hilfe von außen nicht mehr alleine zurecht kommt. Der Klient gibt sich also in die Therapie mit der Erwartung, zumindest einen guten Teil seines Wegs vom stärkeren Partner geführt zu werden.

In der Vertrautheit die Distanz wahren

Fast allen erfolgreichen Therapieansätzen ist darüber hinaus immanent, dass der Klient seinen Gedanken, Worten und Gefühlen möglichst freien Lauf und Ausdruck lassen darf. Der Therapeut wird in einer stets sehr intimen Beziehung Zeuge, Mitwisser, Moderator, engste Bezugsperson und Meinungsführer. Die Möglichkeit, über alles Erlebte, und oft lange, manchmal lebenslang Unausgesprochene frei reden zu dürfen, schafft nicht nur eine besonders vertrauliche Atmosphäre, sondern auch ein Einfluss- und Machtgefälle zwischen Therapeut und Klient. Das ist einerseits für den Erfolg der Therapie notwendige Voraussetzung, andererseits gibt sie dem Therapeuten eine besondere Machtstellung, bürdet ihm eine besondere Verantwortung für den Klienten auf. Hier können sich zwischen beiden Beteiligten am Therapieprozess intime und überaus starke Gefühle entwickeln. Der Therapeut muß darauf vorbereitet sein, darauf respektvoll eingehen, sie aber nicht erwidern. Die therapeutische Beziehung darf nicht vermischt werden. Die Psychotherapie muss ein geschützter Raum sein, in welchem alles gefühlt und besprochen werden darf, ohne dass es als Anbahnung einer persönlicher Beziehung missverstanden wird. Es müssen Gefühle wie Liebe, Hass, Kritik, ja auch sexuelle Wünsche und Phantasien geäußert werden dürfen, ohne Angst vor negativen Konsequenzen bzw. Ablehnung durch den Therapeuten. Die Gefühle können in den therapeutischen Sitzungen mitunter sehr heftig werden, aber sie dürfen den Therapeuten niemals persönlich involvieren. Es liegt in seiner persönlichen Verantwortung, seine Rolle strikt auf die Therapie zu beschränken. Es ist Pflicht der Behandelnden, den Rahmen der Behandlung aufrecht zu erhalten und die Distanz zu wahren. Psychisch belastete, inkompetente oder verantwortungslose Therapeuten bewerten die Annäherungsbegehren der Klienten als "besondere therapeutische Beziehung", meinen aber nichts anderes als die Pflege des eigenen Egos, die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse auf Kosten des Klienten. Abgesehen von der moralischen Verwerflichkeit des Missbrauchs der therapiebedürftigen Person ist solches Handeln auch strafbar.

Das sollte der Therapeut beachten

  • Beruflich-therapeutische Beziehung nicht überschreiten
  • Keine Sitzungen zu ungewöhnlichen Zeiten und Orten
  • Keine längeren als die vereinbarten Sitzungszeiten
  • Keine privaten Verabredungen, Nicht zum "Du" übergehen
  • Der Therapeut redet nicht von sich, von eigenen Problemen, über seine eigene Familie.
  • Den Klienten nicht als Vertrauten behandeln
  • Keine Gefühle von Mitleid und sich kümmern müssen auslösen
  • Dem Klienten nicht das Gefühl vermitteln, "etwas Besonders für den Therapeuten zu sein"
  • Keine gemeinsamen Geheimnisse pflegen
  • Keine Gegenübertragung zulassen
  • Nie aus Gemeinsamkeiten Abhängigkeit zum Therapeuten dulden und entwickeln
  • Kein Essen, Trinken (Alkohol) während der Sitzung anbieten
  • Nie Sexuelle Beziehung eingehen
  • Keine körperlichen Kontakte (bei Therapien, welche auf Körperkontakt aufbauen, vorher Genehmigung durch den Klienten einholen, und stets in bekleidetem Zustand)
  • Niemals Unsicherheit und Angst beim Klienten erzeugen, dass er ohne die Therapie nicht mehr zurechtkommt,
  • Keine Heilversprechen abgeben, die Therapie als unfehlbar darstellen.

 Abenteuerreise Psychotherapie

Auf der Abenteuerreise Psychotherapie soll der Therapeut den Weg suchen helfen, Mut machen, auf schwierigen Wegstrecken Hilfestellung geben. Dazu benötigt er menschliche Reife, Güte, Bestimmtheit, Hilfsbereitschaft, Ausdauer und Konsequenz. Das Wertebild der Reisenden, des Reiseführers wie des Mitreisenden, sollte in der Therapie möglichst identisch sein. Die menschlichen Qualitäten des Therapeuten übertragen sich auf den Klienten. Zuneigung und Vertrauen gewinnen, Führen und Loslassen, damit eigene Lösungen gesucht und gefunden werden, das sind die wichtigen Etappen der therapeutischen Reise. Es kommt weniger darauf an, ob Mann oder Frau, ob jung oder alt, sondern auf persönliche Reife und die Fähigkeit, die therapeutische Zielsetzung und das gewählte Verfahren in einfachen Worten zu erklären und in verständliche Aktion umzusetzen.

Abhängigkeit et vice versa

Kein Therapeut, der nicht der Gefahr begegnet, die ihm vom Klienten zugewiesene Rolle des "Retters" anzunehmen. Und leider gibt es immer wieder Therapeuten, die dieser Versuchung nicht widerstehen, ihre Klienten in Abhängigkeit bringen und sie dort halten. Nicht immer aber ist die Rollenverteilung dabei die klassische, nämlich mit dem Therapeuten als Manipulator und Nutznießer, auch umgekehrt besteht ein erhebliches Gefährdungspotential, wenn der Therapeut nicht mit erheblicher Disziplin und von vornherein dafür sorgt, dass die Grenzen einer regelgerechten Therapie streng eingehalten werden. Stets gilt Sigmund Freuds Gebot: "Die Kur muss in der Abstinenz durchgeführt werden". Es darf in der therapeutischen Beziehung keine andere als diese geben.
Bei Beachtung nur einiger in diesem Beitrag geschilderter Verhaltensweisen ist dem Problem der Abhängigkeit zwischen Klient und Therapeuten recht wirksam zu begegnen. Mitunter komisch, oft aber tragisch, wenn Klient und/oder Therapeut nach der Therapie einen weiteren Therapeuten benötigen, um sie aus der Abhängigkeit der Ersttherapie zu befreien.

Dr. paed Hartmut. Gutsche
Psychotherapeut