| Nahrungsmittelpräferenzen |
Vorlieben und Aversionen für bestimmte Lebensmittel - meist vom Instinkt geleitetvon Volker Gerlach, Oecotrophologe „Du ißt was auf den Tisch kommt!" Diese Drohung in ähnlicher oder etwas abgewandelter Form hat wohl jeder noch in Erinnerung. Millionen und Abermillionen eßgestörter Erwachsener, die als Kind erst aufstehen durften, wenn der Teller leergegessen war? "Als Eisenquelle hätte Popeye besser die Dosen verzehrt" TJ.Hamblin Und wenn sie sich von Ernährungstabellen und Lehrbüchern leiten lassen, werden sie sogar noch bestätigt. Dort findet man unter der Kategorie "eisenreich" immer noch das grüne Wundergemüse. Schon längst ist jedoch bekannt, dass ein Lebensmittelanalytiker im vorigen Jahrhundert, der erstmals in den Mikrobereich des Spinats vordrang, bei der Bestimmung des Eisengehaltes, das Komma aufgrund eines Rechenfehlers um eine Stelle nach rechts verschoben hat. Zum Leidwesen von Millionen Kindern. Zurück in die Vergangenheit Nicht wenige Fakten deuten darauf hin, dass viele Organismen eine vorprogrammierte Neigung besitzen, ihren Nährstoffbedarf mit Süßem zu decken. Evolutionsgeschichtlich war in der freien Wildbahn vor Urzeiten das Nahrungsangebot sehr knapp bemessen. Hatte man nicht gerade den Essensvorrat durch Erlegung eines Mammuts auf Wochen gesichert, war man immer darauf angewiesen, dem Körper süße Nahrung zugänglich zu machen, die ja eine hohe Konzentration an Zucker und damit Kalorien besitzt. Eine konzentrierte Quelle für süße Kalorien waren reife Früchte, die zum einen zur Aufrechterhaltung der Körperfunktionen und zum andern eine Versorgung von Vitaminen bewirkten. Diese Vorliebe für Süßes war evolutionsgeschichtlich ein entscheidender Vorteil, der uns das Überleben sichtlich ermöglichte. Ebenso musste eine Vorliebe für Salziges entstehen, denn viele physiologische Körperfunktionen erfordern das unbedingte Vorhandensein von Salz. Die Salzpräferenz unserer Vorfahren mußte zu einer Zeit entstanden sein, wo man aus Gründen der Bequemlichkeit vermehrt natriumarme pflanzliche Nahrung aß und nicht mehr so sehr auf das Jagen angewiesen war. Nomaden und Jäger wiederum mussten sich um den täglichen Salzbedarf nicht scheren, da das Muskelfleisch der Tiere sie mit ausreichend Salz versorgte. Die Vorliebe für Salziges ist zwar angeboren, tritt allerdings bei Säuglingen erst nach vier Monaten zutage. Der Körper nimmt sich, was er braucht Eine groß angelegte Studie in den zwanziger und dreißiger Jahren führte die Krankenschwester CM. Davis durch, die in der Fachwelt großes Aufsehen erregte. Kurz nach dem sie abgestillt waren, wurden 15 Kinder zwischen 6 und 15 Monaten vor einer freien Nahrungsauswahl gestellt, Sie saßen vor einem reich gedeckten Tisch, wo sie nur durch Fingerzeigen der Krankenschwester andeuteten, was sie essen wollten. Sie konnten von Erbsen und Äpfeln über Lamm und Hühnchen bis zu Innereien und Knochenmark wählen. Die Studie, die bis zu 4,5 Jahren dauerte, brachte hervor, dass es den Kindern an nichts fehlte und sie sehr gut gediehen. Ein Kind ernährte sich hauptsächlich von Früchten, ein anderes aß überwiegend Milchprodukte und ein drittes gierte nach Knochenmark, das, wie wir heute wissen, in der Urzeit zu den Leibspeisen zählte, während fast alle Kinder den von den Rohköstlern heute so lebensnotwendigen propagierten Frischkornbrei ausnahmslos ablehnten. Kein Wunder, denn es ist allgemein bekannt, dass beispielsweise der in den Körnern enthaltene Planzenabwehrstoff Phytin die Aufnahme von Eiweiß und verschiedenen Spurenelementen hemmt. Trotz dieser beobachteten extremen Nahrungsmittelvorlieben und -abneigungen würden sich Säuglinge und Kleinkinder wenn sie könnten, ihre Nahrung optimal zusammenstellen. Das Experiment hat zwar eindeutig bewiesen, dass die Nahrungsmittelauswahl instinktiv erfolgt, wirft aber zwangsläufig die Frage auf, warum diese Verhaltensweise nicht bis ins hohe Greisenalter funktioniert. Würden wir weiter so instinktiv handeln, hätten wir gestählte, makellose und durchtrainierte Körper, so wie wir sie im Tierreich vorfinden. Tiere leiden nicht an Übergewicht und Herzinfarkt. Sie essen nur das, was sie brauchen, um zu überleben. Grundsätzlich ist Nahrungszufuhr ein für den Organismus ständiges Ausloten von Vor- und Nachteilen. Er unterliegt bestimmten Regelmechanismen, die ihm Signale übersenden, ob das Nahrungsmittel ihm was nützt, ihm gut tut oder schadet. Bedenklich wird es dann, wenn die Regulationsmechanismen vor allem bei Kindern nicht mehr greifen. Ihre oftmals einseitige Ernährung mit Fastfood - sicherlich auch ein Erziehungsproblem - begünstigt die Ausschüttung von stimmungsmachenden Hormonen, wie zum Beispiel das Serotonin, das gute Laune verbreitet. Süchtig nach guter Laune veranlasst den Menschen das zu essen, was ihn in Zukunft weiterhin gut tut und nicht das, was ihm wirklich nutzt. Das Süßeste, was Mrs. Davis in ihrer Studie den Kindern zu Essen gab, waren Früchte. Doch was hätte die Studie zutage gebracht, wenn ihnen statt Früchten Schokolade und andere Süßigkeiten zur Verfügung gestanden hätten? Vorliebe für Schokolade Die vermeintliche Sucht nach Schokolade setzt offenbar den natürlichen Regulationsmechanismus gehörig zu. Schokolade ist Verführung pur, wofür fünf Komponenten verantwortlich gemacht werden:
Es ist also leicht anzunehmen, dass die Versuchskinder von Mrs. Davis sich lieber der Schokolade zugewendet hätten.Der junge Mensch wird immer den Geschmack der aufgenommenen Nahrungsmittel mit bestimmten Auswirkungen im Körper oder Alltagssituationen verknüpfen. In der Hauptsache sind es zwar immer noch die Nahrungsmittel selbst, die über Neigung und Abneigung entscheiden, heutzutage wird in aller Regel aber nicht mehr gegessen, weil es gesund ist, sondern weil es schmeckt. Vielleicht würde der instinktgeleitete Herr Robinson Crusoe nach 28 Jahren Einsamkeit in der heutigen Überflußgesellschaft auch auf seine angeborenen Verhaltensweisen pfeifen! Volker Gerlach |


