Hochsensible Patienten in der Naturheilpraxis

© WavebreakMediaMicro I fotolia.comInformationen, Geräusche, Bilder, Düfte – eine Vielzahl von Sinneseindrücken strömen in der modernen Gesellschaft auf uns ein. Immer mehr Menschen leiden an Allergien, Stress und Erschöpfung. Etwa 15-20% der Bevölkerung – die Hochsensiblen – erleben eine permanente Reizüberflutung und sind folglich anfälliger für Stresserkrankungen. Sie gehören zu einem wichtigen Kreis von Patienten in jeder Heilpraxis.

Die Vier-Säfte-Lehre als historische Wurzel eines modern wirkenden Phänomens

In früheren Zeiten hätten Ärzte Hochsensible als Melancholiker bezeichnet und ihre Behandlungspläne danach ausgerichtet. Tatsächlich finden sich in den traditionellen Beschreibungen zum Melancholiker sehr große Übereinstimmungen mit denen zur Hochsensibilität. Der Namenspate dieses Magazins „Paracelsus“, Hildegard von Bingen, Samuel Hahnemann, Rudolf Steiner und Pfarrer Sebastian Kneipp – sie alle waren von der Temperamentenlehre überzeugt und kannten vier Persönlichkeitstypen: den Sanguiniker, den Choleriker, den Melancholiker und den Phlegmatiker. In der Tradition der Europäischen Medizin wurde die „Vier- Säfte-Lehre“ noch bis zum 19. Jahrhundert gelehrt. Aus unserer modernen Medizin ist diese Betrachtungsweise von Patienten leider vollständig verschwunden.

Neue Strömungen zu den Temperamenten

Die heutige Wissenschaft geht davon aus, dass es sich bei der Hochsensibilität um ein vererbtes Temperament handelt. Die ersten Grundlagenforschungen wurden an der Universität Kalifornien in Santa Cruz von Dr. Elaine Aron und ihrem Ehemann Art Aron Ende der 1990er-Jahre durchgeführt. Durch statistisch abgesicherte Verfahren konnte die Veranlagung der Hochsensibilität als eigenständiges Persönlichkeitsmerkmal erkannt werden. Darüber hinaus wurde durch Analysen belegt, dass Hochsensibilität unabhängig vom Merkmal der Extroversion bzw. Introversion auftritt. Man schätzt, dass ca. 30% der Hochsensiblen extrovertiert, also nach außen gekehrt, offen und darstellungsfreudig sind. Diese Untergruppe wird dadurch nicht so leicht als hochsensibel erkannt. Die Mehrheit der Hochsensiblen ist introvertiert und zeigt deshalb diese Parallelen zum Melancholiker.

Hochsensible in der Naturheilkunde

Durch unseren beschleunigten Lebensstil fühlen sich Hochsensible schneller überfordert und haben das Gefühl, sie seien krank oder falsch. Aus diesem Grund wird Hochsensibilität von Betroffenen oft mit einem Krankheitsbild verwechselt. Tatsächlich handelt es sich um eine natürliche Veranlagung, die jedoch in unserer Zeit zu vielen Alltagsproblemen führt. Heilpraktiker und Therapeuten können hochsensible Patienten wie folgt erkennen:

  • Hochsensible Patienten haben oft eine Odyssee von Therapien hinter sich, die ihnen nicht das gewünschte Ergebnis brachten.
  • Sie wurden schon mit Verdachtsdiagnosen, wie z.B. ADHS, konfrontiert, die nicht wirklich zu ihrem Beschwerdebild passen.
  • Sie reagieren positiv auf sanfte Naturheilverfahren, wie Bach-Blüten, Homöopathie oder Energiemedizin.
  • Sie neigen zu Allergiereaktionen, z.B. auf Nahrungsmittel (Gluten, Milch usw.), chemische Zusatzstoffe und Parfum.
  • Sie können sehr empfindlich auf kratzige Kleidung (wie Wollhosen, Nähte usw.), Umwelteinflüsse, Lärm und Berührung reagieren.
  • Hochsensible fühlen sich oft unverstanden und sind darüber traurig. Infolgedessen versuchen sie, sich üb ermäßig an die Erwartungen der Gesellschaft anzupassen und gehen über ihre Grenzen.
  • Sie verfügen über ein reichhaltiges Gefühlsleben, sind nah am Wasser gebaut.
  • Hochsensible Männer stehen unter einen besonderen Druck, da sie nicht ins Klischee unserer Kultur passen.
  • Hochsensible verfügen über eine erhöhte Reaktionsbereitschaft des vegetativen Nervensystems. Als Folge treten Ängstlichkeit, Schlafprobleme, Aufregung bei Prüfungen und öffentlichen Auftritten, vegetative Überreaktionen auf anregende Stoffe wie Koffein usw. auf.
  • Sie sind häufig von Burnout und Erschöpfung betroffen und geradezu prädestiniert dafür, Patient beim Heilpraktiker zu werden.
  • Hochsensible fühlen sich von Kunst, Musik und Naturerfahrungen tief berührt.
  • Sie leiden mit anderen mit und erleben Phasen von Weltschmerz, in denen sie von negativen Ereignissen in Politik, Gesellschaft und Umwelt förmlich erdrückt werden.
  • Sie denken gründlich über alles nach und neigen zum Grübeln.
  • Sie sind schmerzempfindlich und haben ein starkes Rückzugsbedürfnis im Alltag.

Naturheilkundliche Behandlungsmöglichkeiten

Hochsensible profitieren besonders von Entspannungsverfahren, um ihren chronischen Stress abzubauen. Dazu gehören Autogenes Training, Klangschalenmassage, Musiktherapie, hypnotherapeutische Verfahren, Aquatherapie, Atemtherapie, Sauna, Salzgrotte, Yoga und Meditation. Allergietestungen sind ebenfalls sehr empfehlenswert. Eine Analyse der Wohnsituation in Bezug zu Störquellen im Haus kann wertvolle Informationen liefern, denn Hochsensible sind sehr empfänglich für Beeinflussung durch ihr Umfeld. Bei Burnout kann ein Neurostressprofil Hinweise für die Therapieplanung liefern. Hochsensible weisen z.B. häufig einen erhöhten Cortisolspiegel auf. Alle nichtin-vasiven und schmerzfreien Methoden, wie Homöopathie, Bach-Blüten, Craniosacraltherapie, Biofeedback und Energiemedizin sind empfehlenswerte Anwendungen, weil sie sanft in der Tiefe wirken, ohne das Schmerzsystem unnötig zu aktivieren.

Hochsensible in der Psychotherapie

Um eine sinnvolle Psychotherapie zu gestalten, ist es wichtig, eine sorgfältige Anamnese durchzuführen. Da es Hochsensible selten in Reinform – sprich ohne biografische Belastungen – gibt, gesellen sich oft Symptome hinzu, die einer Diagnose bedürfen. Häufige Erkrankungen von Hochsensiblen sind z.B. Angststörungen, Kontaktallergien, Migräne, akuter Burnout oder chronische Erschöpfung und Schlafstörungen. Viele Patienten erhalten dann eine Diagnose wie Depression oder Angststörung. Doch damit allein ist ihnen nicht geholfen. Erst durch die Erkenntnis der hochsensiblen Veranlagung erhalten sie die Chance, ihren Lebensalltag an die eigenen Bedürfnisse anzupassen, anstatt wie bisher sich durch Überanpassung und Selbstaufgabe zu schaden. Ein wesentlicher Therapieerfolg ist dann erreicht, wenn der hochsensible Patient die Fantasie loslässt, dass er sich durch Anstrengung und Selbstverleugnung endlich der Norm anpassen könne und somit den Anforderungen der Gesellschaft standhalten wird. Diese grundlegende Selbstannahme wird durch das Akzeptieren der hochsensiblen Veranlagung ermöglicht. Endlich gibt es eine Erklärung für all die Probleme, die der Patient im Laufe seiner Biografie erlebt hat. In den meisten Fällen bewirkt dies eine große Erleichterung. Spätestens wenn klar wird, dass mindestens 15% der Bevölkerung genauso tickt, hört das Gefühl der Isolation auf. Denn die meisten Hochsensiblen halten sich für ein einmaliges, äußerst seltenes Exemplar, das nur zufällig auf diesem „verrückten“ Planeten gelandet ist.

Grenzfälle

Andererseits ist Vorsicht geboten bei der „Eigendiagnose“ von Patienten. Es gibt immer wieder Ratsuchende, die sich als hochsensibel bezeichnen, jedoch unter einer waschechten Persönlichkeitsstörung oder psychischen Erkrankung leiden. Dazu gehören Patienten mit Borderline, komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen oder Manisch-Depressive. Generell sollte eine Anamnese auch traumatische Vorbelastungen erkennen. Typische Folgen von Traumatisierungen sind: Selbstzerstörerische Gedanken, Gefühle und Handlungen, selbstverletzendes Verhalten, Abspaltung von Körperwahrnehmungen und Gefühlen, massive Erinnerungslücken in der eigenen Biografie, länger anhaltender Drogenkonsum, Essstörungen, Beziehungsstörungen (z.B. Beziehungen mit gewalttätigen Partnern), sexuelle Extreme und wiederkehrende Zusammenbrüche mit längerer Arbeitsunfähigkeit. Um solche Fälle zu betreuen, ist es notwendig, sich in traumatherapeutischen Verfahren weiterzubilden. Natürlich gibt es auch Hochsensible, die durch Traumatisierung eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt oder eine Schwächung ihrer Persönlichkeit erfahren haben. Die Übergänge sind fließend. In jedem Fall ist eine therapeutische Begleitung nur mit viel Fingerspitzengefühl und durch eine entsprechende fundierte Zusatzausbildung möglich. Ist diese nicht vorhanden, kann der Therapeut eine wichtige Übergangsfunktion einnehmen. Denn anstatt aufdeckend zu arbeiten, brauchen viele Patienten zunächst eine Stabilisierung und eine Bezugsperson, der sie wirklich vertrauen können. Stützende Gespräche und ein sicherer Rahmen geben ihnen Halt. Sollte der Therapeut spüren, dass hier seine Kompetenzen nicht ausreichen, kann er den Patienten dabei unterstützen, sich gezielt nach einer Traumatherapie umzusehen. In akuten Fällen kann er, gemeinsam mit dem Hausarzt, den Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik einleiten.

Patienten mit nicht erkanntem Trauma können zu Therapeuten-Hoppern werden. Zunächst wirken sie motiviert und sagen „Sie sind meine letzte Hoffnung, alle anderen Therapeuten haben mir nicht helfen können“. Solche Aussagen spornen natürlich zur Höchstleistung an. Und tatsächlich kann es sein, dass der Patient gerade bei Ihnen Fortschritte macht. Doch ein nicht erkanntes Trauma wird sich früher oder später als Therapieblockade erweisen und Ihre Beziehung zum Patienten negativ beeinflussen. Dann kann es passieren, dass er aus nicht erkennbaren Gründen die Therapie abbricht oder Sie selbst als Projektionsfläche für seine ungelösten inneren Dramen herhalten müssen.

Hochsensible und ihr entgrenztes Ich

Ein zentrales Thema vieler Hochsensibler ist die Eigenschaft, über eine ausgeprägte Empathie zu verfügen. Sie haben großes Mitgefühl für leidende Tiere, Kinder in Not und für alle Menschen, die Hilfe brauchen. Daraus ergibt sich eine zu große Toleranzschwelle für einseitige Beziehungen zu Menschen, die sich als Opfer erleben. Hochsensible werden schnell zum Kummerkasten für die Schwiegermutter, Arbeitskollegen, Nachbarn und Kinder. Weil sie selten gelernt haben, sich abzugrenzen, fällt es ihnen schwer, nein zu sagen. Hier zeigt sich eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben für diese Zielgruppe. Abgrenzung und Selbstschutz müssen von den meisten Hochsensiblen erst mühsam im Erwachsenenalter erlernt werden. Denn sie sind Meister darin, ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten anderer auszublenden. Ein wesentlicher Bestandteil einer gelungenen Psychotherapie besteht folglich in der Entwicklung einer gefestigten Persönlichkeit.

Hochsensible Therapeuten

Durch ihre hohe Sensibilität und feine Wahrnehmungsfähigkeit fühlen sich viele Hochsensible zum Heiler und Therapeuten berufen. Wenn Sie sich an manchen Stellen des Artikels wiedererkannt haben, wäre eine tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema für Sie selbst wichtig. Kaum ein Beruf, wie der des Therapeuten, ist so anspruchsvoll und potenziell erschöpfend. Hochsensible Heilpraktiker, Psychologen, Psychotherapeuten, Logopäden, Heilpädagogen usw. laufen Gefahr, sich in ihrer Arbeit mit dem Patienten zu verausgaben. Meist sind sie exzellente Berater und Helfer in der Not. Doch die Entwicklung von Selbstfürsorgestrategien wird sich für sie in therapeutischen Berufen früher oder später als notwendig erweisen. Wenn sie lernen, sich zu schützen und den Fokus ihrer Wahrnehmung immer wieder auf sich selbst zurückzulenken, können Hochsensible eine Balance im Berufsalltag finden.

Hochsensible Therapeuten, die frühzeitig ihre Belastungsgrenzen erkennen und bereitwillig auf gängige Karrierewege verzichten, werden eine größere Zufriedenheit entwickeln, wenn sie maßgeschneiderte Berufskonzepte verwirklichen. Die eigene Begrenzung brauchen Sie nicht als ein Versagen interpretieren. Fragen Sie sich stattdessen, welche Lebens- und Arbeitsmodelle wirklich Ihren Bedürfnissen entsprechen.

Sylvia HarkeSylvia Harke
Dipl.-Psychologin, selbst hochsensibel, eine der bekanntesten Experten auf diesem Fachgebiet, als HSP-Coach in eigener Praxis tätig
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2016 04 HSP3Buchtipp
Harke, Sylvia:
Hochsensibel – Was tun.
Der innere Kompass zu Wohlbefinden und Glück,
Via Nova Verlag, 2014